Peter Pelinkas Befund zum Tage: "Vom Papst bis zu den G-8: Wer rettet die Welt?"

"Aus der neuen Enzyklika: „Zur Steuerung der Weltwirtschaft ist eine politische Welt­auto­rität nötig.“

Eine sanfte innerkatholische Rüge: „Die Antwort des Papstes auf die Krise: Wahrheit statt Wirklichkeit“ titelt die im Eigentum des katholischen Styria-Verlags stehende „Presse“ ihre Einschätzung der ­einen Tag vor dem Weltgipfel in Italien veröffentlichten Sozialenzyklika von Benedikt XVI. („Caritas in veritate“). Und der Chefredakteur konstatiert, dieses zentrale Dokument des Papstes sei trotz einiger Bezüge zur Gegenwart („Viel kann einem katholischen Papst derzeit nicht passieren, wenn er ein wenig Kapitalismuskritik übt, an das Gemeinwohl appel­liert, einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen einmahnt und für eine koordinierte Steuerung der Globalisierung eintritt“) vor allem theologisch zu ­interpretieren, als „Rückführung auf den christlichen Schöpfergott … die Regulierung der Finanzmärkte spielt sich jenseits seines Wahrnehmungshorizonts ab.“ Das kann kein Vorwurf sein: Päpste haben zwar in früheren Sozialenzykliken sehr wohl konkreter in wirtschafts- und sozialpolitische Debatten eingegriffen (etwa Leo XIII. 1891 mit „Rerum novarum“, der Grundlage der katholischen Soziallehre) – aber kann man vom Vatikan verlangen, was die Staatenlenker nicht schaffen?

Der Weltgipfel in Italien (der 35. der G-8, diesmal wieder unter Beteiligung von „Schwellenländern“) setzt ebenfalls Akzente in die richtige Richtung, aber nicht mehr.

Beispiel Klimaschutz: Immerhin haben erstmals auch China und Indien als Ziel anerkannt, das Weltklima dürfe um nicht mehr als zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter steigen – ein Erfolg einschlägiger Appelle der EU (die freilich in der ­Praxis hinter dem eigenen Ziel hinterherhinkt), vor allem der Wende in der Klimapolitik der USA. Aber: Selbst von der Erfüllung der ursprünglichen Kioto-Ziele der CO2-Emissionen ist man ein halbes Jahr vor der Nachfolgekonferenz in Kopenhagen noch weit entfernt.

Beispiel Armutsbekämpfung: Immerhin werden nun erstmals zwölf Milliarden Dollar für die landwirtschaftliche Entwicklung der ärmsten Länder zur Verfügung gestellt, konkreter als die meisten Projekte der traditionellen „­Entwicklungshilfe“. Aber nur ein Tropfen auf einen heißen Stein: Von den über sechs Milliarden Menschen hungern 1,4 Milliarden im wahrsten Sinn des Wortes, haben täglich weniger als 1,25 US-Dollar zur Verfügung. Obwohl die G-8 bereits 2005 versprochen hatten, die Hilfen für Afrika bis 2010 um 25 Milliarden Dollar im Jahr zu erhöhen, haben die Industrieländer bis jetzt nicht einmal ein Drittel dieses Versprechens eingelöst, Schlusslicht ­Italien nicht einmal drei Prozent davon.

Beispiel Finanzkrise: Schon im Vorfeld des Treffens wurde deutlich, dass keine der verbal allseits geforderten neuen Regulie­rungsregeln für die globalen Finanzmärkte beschlossen würden – dafür ist solch ein Treffen wohl auch nicht der richtige Rahmen. Wohl aber für eine prinzipielle Debatte über die fehlende ­Balance zwischen Wirtschaft und Politik: Schließlich zahlen die Bürger weltweit die Reparaturkosten der Finanzkrise. „Es muss die Erkenntnis einsetzen, dass die Aufgabe des Spielraums, die ökonomische Globalisierung zu gestalten, ein großer Fehler war. Wenn ein reformiertes globales Wirtschaftssystem nachhaltig und reak­tionsfähig sein soll, muss die demokratische Kontrolle über die Wirtschaft langfristig hergestellt werden.“ (Henning Mayer, London University). Als Rahmen, ohne Verstaatlichung.

Eine solche Reform ist sicher nicht allein von einem diplomatischen Meeting zu erwarten (dass es der eitle Pfau Silvio Berlusconi zynisch und schlecht vorbereitet im Erdbebengebiet inszenierte, könnte zum Ausschluss Italiens aus dem noblen Kreis führen). Immerhin auch diesbezüglich ein Fortschritt: Die neuen G-20 (u. a. mit China, Brasi­lien, Mexiko und Indonesien) repräsentieren die Weltbevölkerung eher als die „alten“ G-8. In ihr sind zwei Drittel der Weltbevölkerung vertreten, die 90 Prozent des weltweiten BIP erarbeiten, 80 Prozent des Welthandels bestreiten und 80 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verursachen. Freilich werden dadurch Kompromisse noch schwieriger. Also bleibt doch nur, wieder beim Papst nachzuschlagen: „Um die Weltwirt­schaft zu steuern, die von der ­Krise betroffenen Wirtschaften zu sanieren, ist das Vorhandensein einer echten politischen Weltautorität dringend nötig.“ Die trägt derzeit am ehesten das Gesicht Barack Obamas, das beweisen seine internationalen Auftritte. Freilich nicht nur eins. Inge Kaul von der ­Berliner School of Governance hat dafür ein realistisches Bild der Zukunft, die „G-2“: USA und China.

pelinka.peter@format.at

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