Peter Pelinka: Was im Wahlkampf oft untergeht: Bildungspolitik ist Standortpolitik

"Österreich muss mehr gut und noch besser Ausgebildete produzieren"

Viel wird in diesem Wahlkampf über Teuerung und Inflation (und deren Abgeltung) gesprochen. Fast ebenso viel über Sicherheit und Migration (oft in einer ungustiösen direkten Bezugnahme). Wenig über eine Steuerreform, kaum etwas über ein Konjunkturpaket. Und bis zu dieser Woche jedenfalls zu wenig über die Bildungspolitik. Dabei geht es hier um ein Konjunkturpaket erster Güte: Nur wenn Österreich künftig noch mehr gut und noch besser ausgebildete Menschen „produziert“, wird es in der weltweiten Konkurrenz bestehen können – ein entscheidender Standortvorteil.

Dass Österreichs Bildungssystem einen beträchtlichen Aufholbedarf hat, belegt eine neue Studie der OECD. Sie enthält wenige neue Fakten, wiederholt – umso bestürzender – etliche Kritikpunkte aus früheren Reports: In unserem Land werden zu wenig Hochqualifizierte ausgebildet, der Zugang zur obersten Ausbildungsstufe wird zu sehr sozial selektiert, „bildungsfernen
Schichten“ wird der Zugang zu schwer gemacht. In erster Linie steigen Kinder gut ausgebildeter (und meist gut verdienender) Eltern in den vordersten Waggon des Bildungszuges ein, die anderen bleiben in den hinteren sitzen. Vor allem deshalb, weil sie zu früh ausselektiert werden: Alle internationalen Bildungsexperten sind sich einig, dass man über Kinder mit neun oder zehn Jahren noch keinen sinnvollen Befund abgeben kann, ob und wofür sie so begabt seien, um in eine „höhere Schule“ zu gehen. Und dass man umgekehrt mit dieser frühen Entscheidung zahlreiche Kompetenzen verliert: Noch immer verwehrt der Weg in die Hauptschule (übrigens: noch immer für eine klare Mehrheit der Schüler) trotz späterer „Umstiegsmöglichkeiten“ meist einen späteren Weg an die Hochschulen. Nicht, dass es nicht durchaus ehrenhaft (und für die Gesellschaft wichtig) wäre, einen „handwerklichen“ Beruf auszuüben – aber entscheidend für die wirtschaftliche Dynamik eines Landes ist die Rate der Studienabsolventen.
Und da liegt Österreich im internationalen Vergleich weit zurück: Der Anteil der Hochqualifizierten pro Jahrgang ist in der OECD der drittniedrigste vor der Türkei und Griechenland – und liegt gleichauf mit Deutschland, pikanterweise das einzige Land, das (nicht in allen Bundesländern) eine ähnlich frühe Auswahl in angeblich mehr oder weniger Begabte trifft. Eine Folge davon: In Österreich ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einer Akademikerfamilie ein Studium beginnt, doppelt so hoch wie deren Anteil an der Gesamtbevölkerung. Und: In Österreich schließen nur 21 Prozent eines
Altersjahrganges ein Hochschulstudium ab, im Durchschnitt der OECD-Länder sind es 37 Prozent. In den vergangenen 12 Jahren hat sich der Anteil der Hochschulabsolventen zwar von zehn auf 21 Prozent erhöht, dennoch bleibt der Gesamtbefund der OECD-Experten ernüchternd: Die Anstrengungen reichten nicht aus, um bei der Bildung auch nur „zum Durchschnitt der industrialisierten Länder“ aufzuschließen. Eine Schande.

Natürlich wäre es verkürzt, diesen Zustand ausschließlich auf die – freilich sehr wichtige – Frage zu reduzieren, ob die für die Sechs- bis Zehnjährigen existierende gemeinsame (Volks-)Schule nicht bis zum Alter von 14 Jahren ausgedehnt werden müsse. So wie es noch viel verkürzter ist, die Einführung von Studiengebühren für den extrem niedrigen Anteil von Studenten aus „bildungsfernen Schichten“ verantwortlich zu machen. Es geht auch um das ins Bildungswesen investierte Geld: 1995 wurden dafür noch 6,1 Prozent des BIP ausgegeben, zehn Jahre später waren es nur mehr 5,5 Prozent (OECD-Schnitt: 6,1 Prozent). So berechtigt der Ruf nach budgetären Einsparungen oft ist – in diesem Bereich klingt er ganz falsch. Es war höchste Zeit, dass Claudia Schmied diese Woche ein Schulinvestitionsprogramm für die nächsten 10 Jahre in der Gesamthöhe von 1,6 Milliarden Euro vorgestellt hat, für Neu- und Umbauten, für Tagesbetreuungsstätten und Lehrerarbeitsplätze, für bessere Kultur- und Sportangebote. Es wäre nötig, dass auch die Länder diesem Beispiel folgen – falls es nicht überhaupt gelingt, die Kompetenzaufsplitterung zwischen ihnen und dem Bund im Schulwesen abzustellen.

Immerhin: Gerade in den letzten beiden Jahren gab es auch Fortschritte: die – noch nicht komplett verwirklichte – Verkleinerung der Schulklassen. Oder mit Beginn dieses Schuljahres die Einführung der „Neuen Mittelschule“, welche noch viel besser greifen könnte, gäbe es nicht den konservativen (Lehrer-)Widerstand gegen die aussagekräftigere Erprobung gemeinsamer Schulen ohne parallel laufender Hauptschulen und AHS. Und vor allem die – vorerst nur verbale – Einigung über die Einrichtung eines verpflichtenden Vorschuljahres. Dabei ist es sekundär, ob es in Kindergärten oder in Schulgebäuden absolviert wird – viel wichtiger ist die verbesserte Ausbildung und Bezahlung des dafür geeigneten pädagogischen Personals. Übrigens für alle Altersstufen.

pelinka.peter@format.at

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