Peter Pelinka: Vor der Krise, in der Krise –
die Wahrheit ist der Wirtschaft zumutbar

„Unternehmen, welche ihre Kommunikationsausgaben ausbauen, bewältigen Krise am besten.“

Krise, das war das wirkliche Wort des Jahres 2008. Die Medien waren voll von Berichten über ­abstürzende Börsenkurse, krachende Banken, den gebeutelten Immobilienmarkt, die leidende Autoindustrie. In Österreich aber – noch – keine explodierende Krise: Das Weihnachtsgeschäft ist gut gelaufen, einige Zeitungen titelten triumphierend „Krise – wo bist du?“. Was ein bisschen an Kinder erinnert, die trotzig in den Wald hineinschreien, weil sie seine Dunkelheit so fürchten.
Natürlich wird die Krise, die mit dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase begann und dann via die ­globale Verteilung „fauler“ Kredite das internationale Bankensystem erfasste, auch die europäische „Realwirtschaft“ betreffen, ­daran lassen alle Prognosen keinen Zweifel offen. Fraglich ist nur, wie stark die Krise ausfällt und wie lange sie dauert. Und das ist beeinflussbar.
Pessimistisch stimmt, dass die bisherigen Anstrengungen diverser Zentralbanken und Regierungen noch nicht wirklich gegriffen haben. Optimistisch dagegen, dass sie überhaupt stattgefunden haben. Denn die Untätigkeit der internationalen Politik war ein Hauptgrund dafür, dass die große Wirtschaftskrise der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts in Massenarbeitslosigkeit und Massenmord, in Totalitarismus und Weltkrieg mündete.

2008 war das völlig anders: Selbst die konservative Regierung Bush griff zumindest nach dem Lehman-Crash staatsinterventionistisch zugunsten der Banken ein, noch (?) nicht zugunsten der Autoindustrie. Und auch die als neoliberal verschriene EU-Kommission empfahl den europäischen Lenkern anti­zyklische Investitionen zur Ankurbelung der Konjunktur, ganz im Gegensatz zur strengen Anti-Schulden-Politik Marke Maastricht. Ebenso ein Hoffnungssignal wie die internatio­nal wichtigste Wahl des Jahres: Die Kür von Barack Obama zum 44. Präsidenten der USA signalisiert, welch immense Kräfte die Supermacht auch in Zeiten politischer Isolierung und wirtschaftlicher Krise mobilisieren kann – und Obamas bisherige Vorbereitungen auf sein Amt, dass er sich der ­großen Risken bewusst ist, welche in den immens hohen Erwartungen liegen, welche die ganze Welt in ihn projiziert.

In der österreichischen Politik läuft das gegenteilige Spiel. Die neue Regierung kann kaum Erwartungen enttäuschen, weil sie gar keine geweckt hat. Für sie eine große Chance, die sie nach der für die Koalitionsparteien katastrophal ausgegangenen Wahl ansatzweise bisher auch genutzt hat. Freilich: Auf längere Sicht wird ihr freundliches Erscheinungsbild unter dem neuem Führungsduo Faymann/Pröll nicht reichen, auch nicht die hoffentlich bald spürbare Erleichterung durch die Steuersenkung und die Bemühungen, das Ansteigen der Arbeitslosigkeit möglichst gering zu halten. Da müssen schon weitere Erfolge her – etwa in Sachen Gesundheits- und Staatsreform (zwecks nötiger Einsparungen) oder in Sachen Bildungs-, Forschungs- und Integrationspolitik (zwecks sinnvollster Investitionen). Immerhin: Der größte Anti-Politik-Frust scheint derzeit überwunden, wohl auch eine simple Folge der Krisenstimmung. In solchen Zeiten wollen die Bürger mehr Kooperation als Konfrontation, mehr Pragmatismus als Populismus. Offensichtlich auch im europäischen Maßstab: Die Zustimmung zur EU ist im letzten Quartal des Jahres gestiegen, ebenfalls ein Zeichen realistischer Krisenvorbereitung. Und eine Anerkennung für das gute Funktionieren der Union unter der Präsidentschaft von Nicolas Sarkozy (Wer hätte ihm das zugetraut, macht er so weiter?).

Apropos Krisenvorbereitung. In FORMAT konnten Sie sich so früh wie in kaum einem anderen österreichischen Medium bereits im August 2007 über die kommende Krise informieren. Meine Kollegin Corinna Milborn hat damals die „Globale Geldschwemme“ analysiert. Ihr Vorspann: „War­um derzeit die Geldmenge rascher wächst als die Wirtschaft. Und warum deshalb die reale Wirtschaft zusammenkrachen könnte.“ Leider hat sie damit teilweise schon Recht behalten. Gott sei Dank eben nur teilweise. Das alles hat übrigens überhaupt nichts mit raunzerischem Pessimismus zu tun – im Gegenteil. Die Wahrheit ist der Wirtschaft zumutbar.
Auch eine, die nicht nur Werbung in eigener Sache ist: Eine Studie über die Rezessionsphase zu Beginn der Achtzigerjahre belegt, dass Unternehmen, welche ihre Kommunikationsausgaben nicht drosselten, sondern ausbauten, die Krise am besten bewältigt haben. Vorbilder für 2009!

pelinka.peter@format.at

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