Peter Pelinka: Obama - Eine amerikanische Auferstehung, ein globales Hoffnungssignal

„In Österreich hätte der Sohn eines Türken weniger Chancen, zum Präsidenten gewählt zu werden.“

Zu den prägendsten Erlebnissen meiner Kindheit gehört die Ermordung John F. Kennedys am 22. 11. 1963. Diese Nachricht schlug auch in Österreich wie eine Bombe ein. Der so jugendlich wirkende Präsident, der nur 46 Jahre alt wurde, hatte ein halbes Jahr zuvor ganz Europa mit seiner Rede an der Berliner Mauer entzückt („Ich bin ein Berliner“). Weitere zwei Jahre zuvor hatte er mit seiner Frau Jacqueline beim Gipfeltreffen mit Nikita Chruschtschow Wien charmiert. Er garantierte die Fortsetzung des positiven USA-Bildes in der größeren Hälfte des Landes, jener, die den Amerikanern für die militärische Niederringung der Hitlerei dankbar war, für die materielle Hilfe beim Wiederaufbau und für die politische gegen den Stalinismus. Bald darauf geriet dieses gute Image ins Wanken, vor allem bei uns Jungen: Der Vietnamkrieg, für den freilich Kennedy selbst den Grundstein gelegt hatte, entwickelte sich zum politischen und humanitären Desaster, am Ende für die USA auch zum militärischen. Das Land, das liberales Denken und kulturelle Freiheit symbolisierte, wurde zur imperialistischen Supermacht, die auch grausamste Diktatoren stützte, wenn sie ihren geopolitischen Inter­essen nützten. Es blieb aber ein faszinierendes Land, stets fähig zu innerem Widerspruch und dynamischer Erneuerung: Auf Kennedys Vize Johnson folgte der Watergate-Einbrecher Richard Nixon, auf dessen unscheinbaren Nachfolger Gerald Ford der engagierte Humanist Jimmy Carter, auf den konservativ-charismatischen Hardliner Ronald Reagan und dessen Ex-Vize George Bush I. der liberal-charmante Bill Clinton, auf den tumben George W. Bush nun der Afroamerikaner Barack Obama.

Die Wahl Obamas, eines neuen „Kennedy“ – er ist bei Amtsantritt ein Jahr älter als jener bei seinem Tod –, ist nicht nur wegen dessen Hautfarbe ein historischer Einschnitt. Noch nie haben sich so viele Amerikaner zur Wahl registrieren lassen, noch nie haben so viele aktiv in einer Wahlbewegung mitgemacht, spendend, agitierend, inbrünstig hoffend. Das lag an der Kampagne Obamas, die das Internet perfekt genutzt hat. Das lag an seiner Persönlichkeit, die so gar nichts mit dem Typus des glatten Allerweltspolitikers gemein hat. Das lag vor allem auch an der Situation seines Landes: Unter Bush II. haben die USA kräftig abgewirtschaftet, in direktem wie indirektem Sinn. Sie stehen mitten in einer Rezession, sie haben weltweit ein so schlechtes Image wie kaum jemals zuvor, sie haben dem „Kampf gegen den Terror“, dessen Opfer sie am 11. September 2001 geworden sind, danach mehr geschadet als genutzt – vor allem durch den mit Lügen legitimierten Feldzug gegen Saddam. Diese fürchterliche Lage ist eine Gefahr für die gesamte Welt: Noch immer sind die USA eine wirtschaftliche und politische Leitmacht, noch immer eine militärische Supermacht, noch immer ein unverzichtbares Zentrum der westlichen Demokratie und der sozialen Integra­tionsfähigkeit. Das hat sie eben wieder bewiesen: In Öster­reich hätte etwa der Sohn eines Türken wohl weniger Chancen, zum Bundespräsidenten gewählt zu werden, als Obama, der Sohn eines Afrikaners, der schon durch seine Biografie zu einer Art „Weltpräsident“ werden könnte.

Natürlich werden in ihn (zu?) hohe Erwartungen gesetzt. Er wird schon aufgrund der immensen Verschuldung der USA und der Wirtschaftskrise wenig budgetären Spielraum haben, die nötigen sozialen Reformen (Gesundheitssystem!) durchzuboxen. Es ist auch fraglich, ob der Optimismus („Yes, we can“), den er verbreitet, rasch hilft, einen längerfristigen Aufschwung zu garantieren, wie dies viele Broker und Banker hoffen. Und er wird es nicht leicht haben, das teure Engagement im Irak zu beenden, gleichzeitig aber das nötige in Afghanistan und Pakistan zu effektivieren. Eins kann man jedenfalls erwarten: Obama wird diese Herkulesaufgaben im Dialog mit möglichen Verbündeten inner- und außerhalb der USA angehen, nicht mit der Pose der ideologisch verbohrten Bush-Crew, welche die Welt säuberlich in „gut“ und „böse“ eingeteilt haben.

Deshalb ist diese neue Weichenstellung ein globales Hoffnungssignal. Obama hat in seiner brillanten Dankesrede in Chicago – fast ernst, nicht triumphierend – erkennen lassen, dass er genau weiß, wie rasch er die sozial und kulturell gespaltene Nation nun einen muss. Er wird dies auch in seiner internationalen Politik versuchen: durch stärkeren Dialog mit der russischen, chinesischen und iranischen Führung, durch stärkeres Augenmerk auf das weitgehend abgeschriebene Afrika und das zunehmend aufmüpfige Lateinamerika – und durch einen partnerschaftlicheren Umgang mit Europa. Dessen Führungskräfte müssen freilich zuallererst ihre eigenen Hausaufgaben machen: Obamas Sieg und das wiedererstandene positive Amerika-Bild bieten auch für unseren Kontinent eine immense Chance. Wenn auch er stärker zusammenrückt.

pelinka.peter@format.at

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