Peter Pelinka: Nicht schon wieder! Parallelen und Unterschiede zu den 1930er-Jahren.

Die Sehnsucht nach einem zivilisierten Kapitalismus: „Wer denkt nicht an verhängnisvolle politische Krisen, beschleunigt durch die ökonomischen?“

Montagabend, eine private Runde, Wirtschaftsexperten, Unternehmer, Politiker. Eine Mischung von Fassungs- und Ratlosigkeit macht sich breit. Da hat die US-Regierung ein Bankensanierungspaket in der Höhe von 700 Milliarden Dollar geschnürt, da haben ihre deutschen Kollegen mit großzügigen Bürgschaften den Zusammenbruch der Hypo Real Estate verhindert, da überlegen die europäischen Finanzminister eine koordinierte Sicherung der Spareinlagen – und alles scheint nichts zu helfen: Die Aktienkurse rasseln weiter in den Keller, immer mehr Banken scheinen gefährdet, die Finanzkrise droht in eine Wirtschaftskrise zu münden – was kann man da noch machen? Einhelliger Befund: Rational sind die Zustände kaum zu erklären, nur mehr emotional.

Einen Abend später schüttelt IHS-Chef Bernhard Felderer im ORF-„Report“ in ähnlicher Manier den Kopf: mehr als ungewöhnlich die Entwicklung, zumindest angesichts der gar nicht so unerfreulichen Konjunkturlage in den meisten Ländern Europas. Sehr unerfreulich dagegen die – diesmal logische – Prognose: Natürlich werden die Probleme bei den Banken und den Börsen über kurz oder lang auch die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen, steigende Arbeitslosigkeit und zunehmende Budgetdefizite inklusive.

In etlichen Zeitungen der Welt haben derzeit 80 Jahre alte Fotos Hochkonjunktur: von Menschen, die sich nach dem Börsencrash 1929 verzweifelt um Arbeit um jeden Preis bemüht haben, von Schlangen, die sich 1931 vor Berliner Banken gebildet haben, als Kunden in ihrer Angst vor Komplettverlusten ihr Erspartes abheben wollten. Keine Hysterie, warnen Experten heute: Die Verflechtungen der Globalwirtschaft seien heute ungleich dichter als damals, die politischen und ökonomischen Institutionen ungleich besser aufgestellt. Stimmt.

Aber erstens: Bergen diese Verflechtungen nicht auch zusätzliche Gefahren? Wie sonst ist es zu erklären, dass ein gerade noch abgewendeter Fast-Crash des kleinen Island halb Europa in den Abgrund gerissen hätte? Und zweitens: Hinken die regulierenden Einflussmöglichkeiten nicht schon lange weit hinter den wild galoppierenden Trends an den Finanzmärkten hinterher und werden erst jetzt eingefordert, da plötzlich auch die ehemaligen Hohepriester der Deregulierung um üppige Staatshilfen flehen? Immerhin: In Stunden höchster Not griffen auch so „neoliberale“ Regierungen wie die amerikanische oder britische zur De-facto-Verstaatlichung von Banken – und europäische und amerikanische Zentralbanken haben durch eine gemeinsame Zinsensenkung wenigstens kurzfristig den Abschwung auf den Börsen stoppen können.

Dennoch. Entwarnung wagt niemand zu geben, auch nicht ökonomische und politische Berufsoptimisten. In den USA ist eine Rezession (fast) schon da, diagnostiziert der Internationale Währungsfonds IWF. Und prophezeit eine länger andauernde Talfahrt: Die USA könnten 2009 nur mit einem mageren Wachstum von 0,1 Prozent rechnen, es werde ein „langer und beschwerlicher“ Weg sein, bis sich die ärgsten Turbulenzen beruhigen würden. Conclusio: Die Weltwirtschaft sei in der größten Krise seit Jahrzehnten, „angesichts des gefährlichsten Finanzschocks seit den 1930er-Jahren tritt die Weltwirtschaft in eine größere Abschwungphase ein“.

Schon wieder ein Hinweis auf die 1930er-Jahre. Wer denkt da nicht sorgenvoll an die verhängnisvollen politischen Entwicklungen, die durch die ökonomischen Krisen beschleunigt wurden, an das Erstarken totalitärer Strömungen, an Nazismus, Stalinismus und Weltkrieg? Freilich gibt es entscheidende, positive Unterschiede: Die Demokratie ist in den meisten europäischen Ländern unbestritten, der Kampf gegen neuen Terrorismus eint wenigstens oberflächlich einen Großteil der Länder, in den USA schickt sich ein weltweiter Hoffnungsträger an, eine unfähige Präsidentschaft abzulösen, Russland wird zwar autoritär, aber nicht stalinistisch regiert, die chinesischen Kommunisten lockern via Marktwirtschaft die Fesseln des Landes. Und auch die in Europa unangenehm erstarkenden nationalistischen Strömungen sind großteils nicht mit rechtsradikalen Sturmscharen zu vergleichen, welche „Volksschädlinge“ zuerst verprügelt und dann vergast haben. Vor allem aber: Es gibt die EU, welche – trotz ihrer gravierenden Defizite – ein Mindestmaß an humanitären Standards garantiert.

Ihre Institutionen sind gerade in der jetzigen Krise zu stärken, wie Hannes Androsch in FORMAT bilanziert: „Wir brauchen mehr, nicht weniger Europa!“ Und in dessen Rahmen bessere Spielregeln für die Regulierung von Märkten, für eine Zivilisierung des Kapitalismus, in dem wieder mehr Manager mit sozialer Verantwortung agieren sollten und weniger bloße Zocker, mehr die reale Wirtschaft dominieren sollte und weniger die spekulative.
Klingt naiv – aber wünschen darf man sich ja etwas.

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