Peter Pelinka: Der Ausweg nach dem Gaskonflikt heißt Umsteigen und Sparen

"Europa: Es wird immer mehr Energie verbraucht. Und immer mehr davon importiert."

Noch ist nicht klar, wann und wie der Gasstreit ­zwischen Russland und der Ukraine beendet wird. Seit November ist er brandaktuell: Moskau drohte damals Kiew erstmals mit dem Zudrehen des Gashahns, sollten die ukrainischen Schulden von knapp zwei Milliarden Euro nicht bezahlt werden – und warnte gleich alle EU-Staaten vor Lieferproblemen. Dann eskalierte der Streit fast kindisch: Einmal gab die Ukraine an, das ausständige Geld gezahlt zu haben, dann die Gazprom, den Betrag nie erhalten zu haben. Knapp vor Jahresende verkündete die russische Gasfirma, ein Großteil der Schulden sei beglichen – forderte aber eine Verzugsstrafe dazu. Schließlich werden zu Jahresbeginn vorerst für die Ukraine, dann für ganz Europa die russischen Lieferungen ge­stoppt: Kiew stehle einen Teil jener Gasvorräte, die durch ukrainische Pipelines strömen. Dann der scheinbare Durchbruch: Auf Vermittlung der EU unterzeichnen die Streithähne eine Vereinbarung, einige Stunden liefern die Russen ihre Lieferungen – bis nun die Ukrainer blockieren. Fazit: In Ländern wie Bulgarien und der Slowakei müssen Fabriken stillgelegt werden und Menschen ­zittern. Auch wenn der Konflikt kurzfristig beigelegt werden wird – die Gazprom ist schließlich auch von ihren Abneh­mern abhängig, auch die noch gut gefüllten ukrainischen Lager können sich bald leeren, die EU-Kommission fordert betroffene Unternehmen zur Klage auf –, muss allen Europäern klar sein: Die jetzige Art der Energieversorgung muss sich radikal ändern.

Höchste Zeit, einen gefährlichen Kreislauf zu durchbrechen: In Europa wird immer mehr Energie verbraucht, die schon zu mehr als der Hälfte aus ande­ren Erdteilen eingeführt wird. Jährliche Kosten dafür: 350 Milliarden Euro, 700 pro EU-Bürger. 2007 sind die Energiepreise in der EU um 15 Prozent gestiegen. Die Vorschläge der EU:
● Massive Investitionen in erneuerbare Energieformen – mit­tels Ausbaus von Windparks und Aufbaus eines Solar­energie-Rings rund um das Mittelmeer.
● Förderung von Hausbesitzern, die Energie sparend renovie­ren – Devise: Dämmen statt heizen!
● Kleine, symbolträchtige Maßnahmen – Sparlampe.

Mit einem zusätzlichen Umstiegsprogramm erreicht man noch ein zweites Ziel: Klimaschutz – durch die bessere Nutzung erneuerbarer Energie statt jener fossiler Brennstoffe (Gas und Öl). Realistisches offizielles Ziel: den europäischen Energieverbrauch um fünf bis sechs Prozent zu senken. Wobei das EU-Programm zwei Schwächen hat: Die Union kann solche Maßnahmen ihren Mitgliedsländern nur empfehlen – eine strukturelle Schwäche. Und sie befürwortet den forcierten Einsatz der hinsichtlich CO2 „sauberen“ Atomenergie – eine trotz technologischer Fortschritte weiter riskante (Abfalllagerung!) und umstrittene Energieform.

Österreich steht energiepolitisch noch relativ gut da:
● Mehr als die Hälfte des hierzulande verbrauchten Stroms wird aus sauberer Wasserkraft gewonnen – der Geografie sei Dank.
● Der Gasverbrauch wird sich zwar weiter erhöhen (ökologisch besser als die Nutzung von Öl), aber die Abhängigkeit von Russland soll durch alternative Importwege („Nabucco“-Pipeline, freilich für Gas aus dem auch nicht stabilen Iran) verringert werden.
● Großes Ausbaupotenzial hat die Nutzung von Holzpellets (Nachteil: die negative CO2-Bilanz). In Österreich werden derzeit 500.000 Tonnen verheizt, fast das Doppelte wäre produzierbar.
● Bei der Solarenergie sind Österreich witterungsbedingte Grenzen gesetzt, technologisch sind wir durchaus führend.
Die Windenergie stagniert, immerhin liefert sie für eine halbe Million Haushalte (Zusatz-)Strom.
● Und die Atomdebatte spart man sich mit einem typisch österreichischen (verlogenen?) Augenzwinkern: teilweise hysterisch übersteigerte Kampagnen gegen Bohunice (schrottreif) und Temelín (moderner), gleichzeitig frisch-fröhlicher Import von Atomstrom (Anteil am Gesamtverbrauch: 10 bis 20 Prozent).
Österreich kann die von der EU bis 2020 empfohlene Erhöhung des Anteils an erneuerbarer Energie auf ein Drittel locker erreichen – und hat es längst doppelt getan, rechnet man die Wasserkraft dazu (warum eigentlich nicht?).

Dennoch gibt es genug weitere Hausaufgaben:
● Entschlossenerer Ausbau der Wasserkraft.
● Eine bessere Dämmung der Haushalte kann die Heizkosten (40 Prozent der Energiekosten) um mehr als die Hälfte der durchschnittlich 1.400 Euro senken, die jeder Haushalt derzeit zahlt.
● Stärkere Förderung für Sonnen- und Windenergie – auch wenn sie kurzfristig nur einen kleinen Teil des Bedarfs decken.
● Der öffentliche Verkehr muss stärker ausgebaut, der Autoverkehr, derzeit auch „Hauptschuldiger“ am österreichischen Nachhinken gegenüber den Kioto-Zielen, sparsamer gestaltet werden.
Natürlich: Die Regierung will einiges davon, aber zu wenig. Und natürlich muss all das auch im europäischen Kontext geschehen. Denn wenn der Energiekonflikt auch etwas Gutes hat, dann das: Nur mehr die Dümmsten können glauben, dass Österreich ohne EU besser dastehen würde. „Autonome Energieversorgung“ klingt nett. Spielt es aber nicht.

pelinka.peter@format.at

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