Peter Pelinka: Athen & Paris als Warnung: Warum man mehr in Bildung investieren muss

„Der Wohlstand eines Landes hängt mehr denn je vom Ausbildungsstatus seiner Bürger ab.“

Griechenland jährlich im Sommer, eines der europäischen Urlaubsparadiese: gleißende Sonne, blaues Meer, weiße Häuser. Griechenland im heurigen Winter: am Rande eines Bürgerkriegs. In Athen und einigen anderen Städten brennen seit Tagen Geschäfte, nachdem vergangenen Samstag ein 15-jähriger Schüler von einem Polizisten erschossen worden ist. Vorsätzlich, meinen die Tausenden, meist jugendlichen Demonstranten. Folge eines Warnschusses, der zum tödlichen Querschläger wurde, verteidigen sich die Sicherheitskräfte.

Die konservative Regierung, auch schon zuvor unter Druck, nun auch noch mit einem Generalstreik konfrontiert, will ­genaue Untersuchungen. Und macht – berechtigt – anarchis­tische Elemente dafür verantwortlich, die breiten Proteste für ihre chaotischen Zwecke nutzen zu wollen. Ebenso berechtigt freilich die Kritik, welche einer der besten Krimiautoren der Gegenwart, Petros Markaris, in der „Süddeutschen Zeitung“ an der griechischen Verfasstheit übt: „Die Wut hat sich lange angestaut. Was wir sehen, ist nur die Spitze eines Berges … die Frustration vieler junger Leute über das Bildungssystem, keiner ist damit zufrieden … die Wut richtet sich ge­gen die, die immer mehr Geld anhäufen. Man hat den Eindruck, das ist eine Clique, die alles für sich behält. Dann gibt es die Frustration, die entsteht, weil man sich selbst außerhalb dieses Systems fühlt, das Gefühl, selbst nicht zu profitieren.“

Ähnliche Zustände herrschten vor zwei Jahren in den Pariser Vorstädten: Waren es dort aber eher „Subproletarier“ meist arabischer Herkunft, welche ohne Arbeitsplatz und Aufstiegschance revoltierten, kommt der griechische Protest auch aus der Mitte der Gesellschaft – der erschossene Jugendliche etwa war der Sohn eines erfolgreichen Juweliers. Die Heftigkeit der Auseinandersetzungen hat auch spezifische historische Gründe: Immerhin tobte nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein blutiger Bürgerkrieg zweier lange unversöhnlicher Lager, immerhin herrschte von 1967 bis 1974 in Griechenland eine Militärdiktatur, welche erst durch einen Aufstand von Studenten (und die vom Regime versuchte Annexion Zyperns samt folgender türkischer Invasion) gestürzt wurde. Und doch gibt es Parallelen zwischen Paris und Athen: Junge Leute, schlecht ausgebildet und/oder ohne Chance auf einen halbwegs entsprechenden Arbeitsplatz, begehren leicht auf gegen eine ihnen als korrupt und undurchlässig erscheinende Gesellschaft – und werden auch leicht zum Spielball politischer Radikalinskis, rechts- oder linksradikaler, die entweder zum Sturm gegen „die Ausländer“ oder gegen „den Kapitalismus“ aufrufen, besonders erfolgreich in Zeiten von Globalisierung und Wirtschaftskrise.

Österreich ist noch meilenweit von solchen Zuständen entfernt. Und doch sollte man rechtzeitig gegensteuern: Die Jugendarbeitslosigkeit nimmt wieder zu, in etlichen Regionen explodiert die Zahl jugendlicher Schul- oder Lehrabbrecher, nicht nur, aber vorrangig Angehörige einer ersten oder zweiten Migrantengeneration.
Die eben veröffentlichte TIMMS-Studie über den Abbau mathematischen und naturwissenschaftlichen Wissens in den Volksschulen war nach den Pisa-Testergebnissen der nächste Beleg dafür, dass Österreich in den vergangenen zehn Jahren bildungspolitisch abgebaut hat. Das ist nicht Schuld der ­Lehrer, schon gar nicht jener der „68er-Generation“, wie der sonst tiefer schürfende Erhard Busek meint (die sind heute nämlich meist jenseits der 60 und bereits pensioniert).

Das ist vor allem Schuld mangelnder Integrationspolitik, die vorrangig gleichzeitig Bildungspolitik sein muss. Österreich, stets auch ein Zuwanderungsland (endlich sagt das mit Reinhold Mitterlehner auch wieder einmal ein Minister so deutlich), braucht allein schon deshalb noch viel mehr Investitionen in den gesamten Bildungsbereich, besser ausgebildetes und bezahltes Personal (auch schon für die Kindergärten, denen eine besonders wichtige Rolle zukommt), mehr (notfalls auch verordnete) Deutschförderkurse (nicht nur für Migranten), mehr Ganztagsangebote für Schulkinder. Gut, dass es künftig ein verpflichtendes Kindergartenjahr geben soll, noch besser, wenn dessen Finanzierung nicht an den üblichen „föderalistischen“ Eifersüchteleien scheitert.

Allenthalben scheint die Zeit einer ideologisch begründeten Sparpolitik um des bloßen Sparens willen vorbei zu sein. Nirgendwo sonst wäre das so wohltuend wie im Bildungsbereich – der Wohlstand eines Landes hängt heute mehr denn je auch vom Ausbildungsstatus seiner Bürger ab.
Wir können es uns nicht leisten, jährlich Tausende Jugendliche perspektivenlos abdriften zu lassen. Nicht nur aus humanitären Gründen, nicht nur wegen dabei verloren gehender einzelner Begabungen. Sondern auch aus Gründen des schlichten Eigenschutzes: In dieser Hinsicht lassen die Brände von Athen und Paris warnend grüßen.

pelinka.peter@format.at

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