Peter Pelinka über das Absterben der "alten" Industrieproduktion am Beispiel Semperit

"Wir haben Großteil des Schlimmsten noch nicht hinter uns." (Strauss-Kahn)

Diese Meldung schockierte, mehr wegen der ­Symbolik als wegen der Quantität: Der letzte Teil des Semperit-Werks in Traiskirchen schließt mit Jahresende, knapp 200 Mitarbeiter stehen dann auf der Straße. Traiskirchen, Gründungsstätte der 1898 gegründeten Gummiwarenfabrik, und Semperit – das war einst eins. Die Reifenfertigung wurde bereits 2002 von der ­deutschen Conti-Gruppe eingestellt, nun auch die restliche Produktion. Folge der weltweiten Autokrise, sagt der Konzern, in­zwischen unter der Regie der aus Österreich stammenden Maria-Elisabeth Schaeffler, die sich selbst mit der Übernahme von Conti überhoben hat. Folge des „Strebens nach mehr Profit und höheren Dividenden im Interesse einiger weniger“, sagt der Bürgermeister, der vor sieben Jahren erfolglos gegen die Ver­lagerung der Reifenproduktion nach Tschechien mobil machte.

Recht haben beide: Wenn weltweit um 20 Prozent weniger Autos verkauft werden, hat das entsprechende Auswirkungen auf alle Zulieferbereiche. Und solange es einen ­globalen Markt gibt, der nach – hoffentlich bald reformierten – kapitalistischen Prinzipien funk­tioniert (also noch sehr, sehr lange), werden Unternehmen Gewinne machen oder Verluste verringern wollen, auch durch Verlagerungen und/oder Kündigungen. Diesen Mechanismus kann und soll man sozial „abfedern“, ganz entziehen wird sich ihm aber niemand. Auch ein sozialdemokratischer Industrieller wie Hannes Androsch nicht, der den ­Abbau von 300 Arbeitsplätzen „seines“ AT&S-Unternehmens in Leoben so kommentierte: „Eine Verlustminimierung, keine Gewinnmaximierung.“ Der freilich – das sei dazugesagt – in einiger Zeit wieder kräftige Gewinne für Eigentümer und Shareholder folgen ­sollen, für die meisten auch folgen werden.

Diese Phase mehrheitlicher Gewinne wird aber noch einige Zeit auf sich warten lassen. Die Kosten der derzeitigen Krise sind gewaltig, auch für die noch einigermaßen verschonte ­österreichische Industrie. Ein nur zehnprozentiger Produk­tionsrückgang – eine eher optimistische Prognose – würde Ausfälle in der Höhe von 8,8 Milliarden Euro bedeuten, In­vestitionsrückgänge von mehr als 800 Millionen, einen Rückgang der Wertschöpfung um 3,5 Milliarden, der Exporte um 3,6 Milliarden. Und – solange diese Krise anhält – jährlich fast 50.000 Arbeitslose mehr, allein aus dem Industriebereich. International schaut es nicht anders aus: Dominique Strauss-Kahn, Chef des In­ternationalen Währungsfonds, sieht zwar ers­te Hoffnungsschimmer am Horizont, aber: „Wir haben den Großteil des Schlimmsten noch nicht hinter uns.“ Auch heimische Ökonomen glauben, dass das Niveau vor der Krise erst 2013 erreicht werden wird. Auch deshalb, weil internationale Wellen Europa verzögert er­reichen: So wie die Krise von den USA ihren Ausgang nahm, wird es auch bei der Erholung sein. Wenn Obamas kräftige Konjunkturprogramme (die zweitwirksamsten nach den chinesischen) zu greifen be­ginnen, wird die Inflation kräftig steigen und der Dollar ebenso kräftig an Wert verlieren. Darunter wird vor allem Europas Exportindustrie weiter ­leiden, natürlich auch die österreichische.

Die Horrorprognose von 500.000 Arbeitslosen in Österreich (derzeit mehr als 300.000, in der Region Traiskirchen beträgt ihre Marke bald 36 Prozent) scheint leider realistisch. Umso wichtiger das von der Regierung präsentierte zweite Arbeitsmarktpaket in der Höhe von 400 Millionen Euro: Erweiterung der Kurzarbeit auf mögliche 24 Monate, Verbesserungen bei Altersteilzeit und Bildungskarenz, Einrichtung einer Jugendstiftung. Alles richtige Schritte, aber kleine. Der große, Struktur verändernde fehlt, nicht nur in Österreich. Es braucht nicht nur mehr Geld, sondern vor allem mehr Hinschmalz: Investitionen in ­Bildung und Forschung, in neue Technologien und Industrien. Die „alten“ werden zunehmend abwandern, zuerst aus den wohlhabenderen Teilen Europas, dann vom ganzen Kontinent. An ihre Stelle treten zunehmend entweder „neue“, notwen­digerweise auch ökologisch geprägt – oder eine industrielle Wüste, mit katastrophalen Folgen für alle Unternehmen und Beschäftigte, für das soziale und politische Leben.

Wie der Umbau der Industriegesellschaft gelingen kann, war auch ein Hauptthema bei unserem erfolgreichen „Editor’s Dinner“ mit 150 Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Politik. FORMAT wird für dieses Thema auch weiter als kommunikative Plattform fungieren – schon mit seiner nächsten Ausgabe.

pelinka.peter@format.at

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