Otto Habsburg – seine Bedeutung für
Österreich und Europa

Mit dem Tod von Otto Habsburg-Lothringen kehrt kurz die Erinnerung an das Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie zurück. Zwischen 1916 und 1918 erlebte er als vierjähriger Kronprinz das Begräbnis von Kaiser Franz Joseph ebenso wie später den Zerfall des Habsburger Imperiums und die Ausrufung der Republik.

Zwei Fragen beschäftigen die Kommentatoren in der Gegenwart: War er ein demokratisch gesinnter Politiker, und welche Bedeutung hatten seine Aktivitäten für Österreich und Europa?

Ursprünglich wurde er von seiner strengen Mutter zum Thronfolger erzogen. Sein Vater, der ehemalige Kaiser Karl, hatte zweimal vergeblich eine Restauration der Monarchie in Ungarn versucht und war 1922 auf Madeira verstorben. 1930 als volljährig erklärt, knüpfte Otto als Oberhaupt des Hauses Habsburg während der Schuschnigg-Diktatur 1935 wieder Kontakte mit christlichsozialen Politikern und Führern der paramilitärischen Heimwehren. Im selben Jahr wurde die Landesverweisung aufgehoben und der Familienversorgungsfonds wiederhergestellt.

1938 war Otto zum militärischen Widerstand gegen Hitler-Deutschland und zur Integration der politisch verfolgten Sozialdemokraten bereit und bot Schuschnigg die Übernahme der Kanzler-Diktatur an, was dieser ablehnte. Noch 2007 verteidigte Otto uneingeschränkt die Errichtung einer Kanzler-Diktatur durch Engelbert Dollfuß: „Wenn es ums Land geht, bin ich zu jeglicher Sache bereit.“ Und 2008 sorgten seine Aussagen über die uneingeschränkte Opferrolle der ÖsterreicherInnen nach dem „Anschluss“ 1938 für Aufregung.

Zeit seines Lebens war Otto Habsburg aber immer gegen jene Diktaturen aufgetreten, die mit seiner streng katholischen Grundeinstellung nicht vereinbar waren – dazu gehörte, und hier unterschied er sich von vielen Repräsentanten der katholischen und protestantischen Kirchen, der Nationalsozialismus ebenso wie der Kommunismus, der auch den Amtskirchen ein Gräuel war.

Kontakte zu Roosevelt

Otto von Habsburg flüchtete vor den Nationalsozialisten über Frankreich ins Exil in die USA. Seine Verdienste bei der Visa-Erlangung für Tausende verfolgte Jüdinnen und Juden sind gut dokumentiert. In den USA selbst konnte er seine privaten Kontakte zu Präsident Franklin D. Roosevelt nützen und beispielsweise ein „Austrian Battalion“ errichten, das aber nach heftigen Protesten von Exilanten aus den ehemaligen Kronländern schnell wieder aufgelöst wurde.

Seine Selbsteinschätzung, dass er die Moskauer Deklaration 1943 über die Wiedererrichtung Österreichs initiiert hätte, entspricht ebenso wenig der gut dokumentierten politischen Realität wie die Behauptung, er habe die USA zur Übernahme einer Zone bewogen. 1945 versuchte er von Tirol aus wieder politisch aktiv zu werden, attackierte die provisorische Staatsregierung Renner als kommunistisches trojanisches Pferd und wurde sowohl auf Betreiben Karl Renners als auch der Westalliierten ausgewiesen.

Aus den USA zurückgekehrt, beschäftigte er sich publizistisch und in Vorträgen intensiver mit der europäischen Integration, die er als einzige Möglichkeit eines antikommunistischen Bollwerks gegen die Sowjetunion ansah. In diesem Sinne lehnte er den Staatsvertrag als Diktatfrieden ab. Seine Europa-Vorstellungen waren anfangs sehr stark von christlichen und extrem konservativen Kulturvorstellungen geprägt, deren Basis durchaus chauvinistische Eurozentrismen der Überlegenheit Europas gegenüber Lateinamerika oder Afrika waren.

Noch in den 1950er-Jahren zeigte Otto Habsburg sich zurückhaltend gegenüber der republikanischen Staatsform und erklärte die konstitutionelle Monarchie zur besten Staatsform. Ob er damals wirklich daran dachte, wie „Paris Match“ 1958 berichtete, sich theoretisch auch zum Kaiser wählen zu lassen, ist umstritten, passt aber durchaus zu seinem damaligen Gedankengebäude.

Mangelndes Interesse der Wählerschaft

Mit seiner Thronverzichts- und Loyalitätserklärung 1961 konnte er nach heftigem Widerstand von SPÖ und FPÖ während der ÖVP-Alleinregierung Klaus 1966 wieder zurückkehren. In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren wurde ihm bewusster, dass eine politische Rückkehr mangels Interesses der Wählerinnen und Wähler nicht realistisch war.

Als Präsident der Paneuropa-Union 1973 bis 2004 und vor allem als von der CSU in Bayern nominierter Abgeordneter zum Europäischen Parlament 1979 bis 1989 hatte er eine wichtige öffentliche Funktion, da er die geopolitische Teilung Europas im Kalten Krieg nie akzeptierte und als kompromissloser Antikommunist 1982 sogar einen leeren Stuhl als Symbol für die Osteuropäer durchsetzte.

Mehr als ein Symbol sollte sein Paneuropäisches Picknick am 19. August 1989 an der österreichisch-ungarischen Grenze sein, wobei ein noch vorhandenes Gittertor des schon fast abgebauten Eisernen Vorhangs von 661 DDR-Bürgern zur Flucht genutzt wurde. Mit dem Ende des Kalten Krieges erfüllte sich die politische Vision eines geeinten Europas für Otto Habsburg, der inzwischen seinen persönlichen Weg zur parlamentarischen Demokratie gefunden hatte. In diesem Sinne fasste er seine Entwicklung vom Thronfolger zum Europaabgeordneten prägnant zusammen: „Ich danke Gott, dass ich Parlamentarier werden konnte. Politik ist für mich eine Droge – härter als Opium!“

- Oliver Rathkolb
Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten