Osama bin Ladens Tod ändert nichts an der Schlagkraft von al-Qaida

"Osama bin Laden ist tot, es lebe Osama bin Laden!" In Anlehnung an die bekannte Phrase „Der König ist tot, es lebe der König“ lässt sich die aktuelle Lage in der internationalen Terrorszene auf den Punkt bringen. Denn der meistgesuchte Bösewicht ist in erster Linie ein Funktionsträger. Mit seinem Tod bricht das von ihm mitbegründete System nicht zusammen.

Al-Qaida-Aktivisten im Kaukasus oder in Europa agieren nicht unbedingt auf Weisung aus einem Hauptquartier am anderen Ende der Welt. Vielmehr verwenden sie das Label, ähnlich einer Franchising-Struktur, um sich in eine größere und vor allem berühmt-berüchtigte Struktur einzufügen. Dies garantiert ihnen Geld, Rekruten, Logistik und mediale Aufmerksamkeit. Was aber die Schlagkraft ihrer Vorgehensweise ausmacht, ist dezentrale und autonome Operationsfähigkeit. Dabei handelt es sich nicht um ein besonderes Charakteristikum dieses Terrornetzwerks. Noch lange vor digitaler Kommunikation erwies sich die Struktur von kleinen und relativ losen Zellen als Vorteil, um von den Sicherheitsbehörden nicht definitiv zerschlagen zu werden.

Bin Laden hatte in den letzten Jahren an Bedeutung verloren

Der Tod von bin Laden, dem Millionärserben aus Saudi-Arabien, wird überbewertet. Für die US-Öffentlichkeit ist es eine gute Nachricht, für den militärischen Oberbefehlshaber und Friedensnobelpreisträger Barack Obama noch viel mehr. Denn man kann jubelnd Fahnen schwenken und sich von den sonstigen Hiobsmeldungen zu Rezession, Kriegskosten im Irak und Naturkatastrophen in den USA erholen. Doch sind sich viele Experten internationaler Kriminalität darin einig, dass bin Laden in den letzten Jahren an Bedeutung verloren hatte. Er meldete sich nur selten zu Wort. Seine regelmäßigen Videobotschaften aus früheren Tagen, die damals für neue Alarmstufen an Flughäfen sorgten, waren Vergangenheit. Eine seiner letzten Meldungen vor rund einem Jahr befasste sich mit den Auswirkungen des Klimawandels und der Notwendigkeit, dass sich die Muslime verstärkt mit nachhaltiger Landwirtschaft befassen sollten …

Der wesentliche Punkt des von ihm mitverfassten Manifests von al-Qaida von 1993 nennt die Vertreibung des saudischen Königshauses, das er als Marionette der USA sah. Nie hätte bin Laden den Begriff Saudi-Arabien in den Mund genommen, vielmehr sprach er stets vom Hedschas, dem traditionellen Namen der Arabischen Halbinsel. Die Saudis gründeten erst 1932 ihren Staat, nachdem sie die alte Dynastie der Haschemiten mithilfe der Briten vertrieben hatten. Ihr extremistischer wahhabitischer Islam ist die Denkschule, in der nicht nur ein bin Laden aufwuchs. Bis heute pflegen saudische Kleriker und Schulbücher alle anderen als ungläubig zu bezeichnen. Hierzu zählen Sufis, Bahais, Christen, Juden und auch Schiiten, die eben mit saudischer Hilfe in Bahrain ermordet werden. Mehr Muslime starben im Irak, in Afghanistan und Pakistan durch brutale Anschläge im Namen von al-Qaida, als westliche Ziele getroffen wurden.

Obama sollte auf seinen Verbündeten Saudi-Arabien ein schärferes Auge werfen

Die unmittelbaren Auswirkungen der gezielten Tötung von bin Laden durch US-Spezialtruppen, die nicht nur aus völkerrechtlicher Sicht bedenklich ist, werden sich voraussichtlich in erster Linie in Pakistan und Afghanistan zeigen. Der pakistanische Geheimdienst ISI, der gemeinsam mit dem US-Nachrichtendienst CIA und saudischem Geld in den 1980er-Jahren die Taliban-Kräfte aufbaute, wusste um den Verbleib von bin Laden. Dass nun US-Truppen auf pakistanischem Staatsgebiet tätig wurden, kann für die ohnehin fragile Regierung zum Todesurteil werden. Sollte es zu Vendetta-Anschlägen durch seine Anhänger kommen, die nun für ihren Märtyrer sterben wollen, dann könnten internationale Truppen und andere westliche Einrichtungen in Afghanistan zur Zielscheibe werden. Man muss sich nur in Erinnerung rufen, dass letzte Woche Hunderte inhaftierter Al-Qaida-Extremisten aus einem afghanischen Gefängnis einen Tunnel buddelten und nun frei herumlaufen. Auch könnten die äußerst brutalen Anschläge im Irak wieder intensiver werden. Als vor fünf Jahren der damalige Al-Qaida-Chef im Irak, der Jordanier Zarkawi, auf ähnliche Weise von US-Truppen „eliminiert“ wurde, wuchs die Sicherheit im Lande nicht.

Mit bin Laden hatte das „Böse“ offenbar ein Gesicht. In der Pose des Asketen lächelte er von den Bildschirmen. Wie er zu Lebzeiten überschätzt wurde, so wird nun sein Tod überbewertet. Aber dank seiner Person wusste eine US-amerikanische Öffentlichkeit, warum Tausende von US-Soldaten am Hindukusch und im Golf stehen, für Kriege sterben, die weder die Menschen in der Region noch jene im Mittleren Westen der USA verstehen. Dieser Grund fällt nun weg. Unter den Attentätern vom 11. September waren vor allem Saudis, keiner hatte einen afghanischen oder irakischen Reisepass. Obama sollte auf seinen Verbündeten Saudi-Arabien ein schärferes Auge werfen.

- Karin Kneissl
Nahost-Expertin und Buchautorin

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