ORF: "Willkommen Europa" statt "Willkommen Österreich"!

ORF: "Willkommen Europa" statt "Willkommen Österreich"!

Man sollte den Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Senders dringend in Richtung Europa erweitern.

Soeben hat der Stiftungsrat, das Aufsichtsgremium des ORF, einstimmig ein neues Sendeschema beschlossen. Es stellt den ersten Schritt einer von Fernsehdirektorin Kathrin Zechner so genannten Programmreformkette dar, die ab Herbst beginnt. Mehr Programm-Output der Bundesländer-Studios, Versteckte Kamera, eine Doku-Soap mit dem Millionenshow-Strahlemann Armin Assinger – mit an bisherige Erfolgsformate anknüpfendem Fernsehhandwerk sollen vor allem die jungen Seher bei der Stange, also vor dem Bildschirm, gehalten werden.

Was draußen in Europa derzeit vor sich geht, kann man weiterhin fundiert nur in den Nachrichtensendungen und Magazinen auf dem deutlichen „älteren“ Sender ORF 2 erfahren: Dass eine ganze Generation von Spaniern, Griechen oder Portugiesen um ihre Lebenschancen umfallen könnte, dass es sogar die Eurozone und damit die EU zerreissen könnte. Wie es um die wirtschaftlichen Zusammenhänge dahinter aussieht und vor allem was das alles mit ihnen zu tun hat, bleibt den meisten Österreichern ohnehin schleierhaft. Obwohl sie die Folgen in den nächsten Jahrzehnten am eigenen Leib zu spüren bekommen. Wer aber mehr Europa-Inhalte für das nachwachsende Publikum fordert, und sei es mit den Mitteln einer Show, wird in der Regel mit dem Quoten-Argument niedergebügelt.

Wer Kinder hat, weiß, dass man Europa auch im Fernsehen spielerisch leicht erklären kann. „Logo“ etwa, die Nachrichtensendung des Kinderkanals KI.KA, schafft es, die Funktionsweise der europäischen Institutionen ebenso verständlich darzustellen wie spannende Lebensgeschichten von Europäern zu erzählen, die quer durch den Kontinent tingeln. Die Neugierde der Jungen, ja auch der Jüngsten, für diese Themen ist da. Doch investiert wird fast ausschließlich in Sendungen, die in die Quoten-Schlacht mit den Privaten geworfen werden können.

Die Nationalstaaten müssten mehr Kompetenzen an die EU abgeben, wird nun allerorten von der Politik gefordert. Europas Bürger werden ihren Politikern aber nicht folgen können, wenn sie Europa nicht verstehen. Das ist auch die Aufgabe der Medien, zuvorderst der öffentlich-rechtlichen. Die „Förderung der österreichischen Identität“, wie im ORF-Gesetz als einer der Hauptaufgaben festgeschrieben, sollte dringend um eine „europäische Identität“ erweitert werden. ORF & Co. müssen eine tragende Rolle im Kommunikationskonzept der „Vereinigten Staaten von Europa“ spielen.

Statt "Willkommen Österreich" also bitte zumindest "Willkommen Europa"! Wahrlich: Das wichtigste Glied der ORF-Programmreformkette fehlt noch.

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