ORF – Jenseits von Gut und Böse

ORF – Jenseits von Gut und Böse

Dem Fernsehen geht es gar nicht gut, es wird wegen der geänderten Mediennutzung immer schwieriger, Zuseher vor die Apparate zu locken. Der ORF tut ein Übriges, um sich selbst unattraktiv zu machen.

Da wird alles getan, um die Zuseher vor dem Fernsehschirmen aus ihrer Berieselungs-Trägheit zu reißen: Moderator in Schokolade, gelangweilte Musikweltstars, Kinder, die um Tische kraxeln, einige dümmliche Wien-Klischees, Mirjam Weichselbraun. Und dann sind die Quoten für „Wetten, dass…?“ sowohl in Deutschland als auch in Österreich ernüchternd bis peinlich.

Funktioniert Fernsehen, wie wir es bisher kannten, nicht mehr? Zweifellos haben sich die Umstände in den letzten Jahren geändert; so wie auch die Printmedien spürt das Fernsehen die Konkurrenz durch das Internet. TV kam in Österreich 1991 auf eine Tagesreichweite von mehr als 71 Prozent (Zuseher ab zwölf Jahren); 2011 waren es nur noch 63,5 Prozent. Andererseits ist die Nutzungsdauer von 127 Minuten pro Tag auf 167 Minuten gestiegen. Es wird nicht einfacher werden in den nächsten Jahren, Zuseher vor die Fernseher zu locken. Oder genauer gesagt: Es wird schwieriger, sie für klassisches Fernsehen zu begeistern. Aktuelle Ereignisse sind der einzige Grund, zu einer bestimmten Zeit die Fernbedienung in die Hand zu nehmen; sonst sind es immer mehr Zuschauer gewohnt, selbst Programmdirektor zu spielen – so wie sie es von YouTube oder Apple TV kennen. Nur wenn Felix Baumgartner aus der Stratosphäre springt, das Fußballnationalteam graue Haare macht oder die Skifahrer bei einer WM unseren Nationalstolz heben, muss das sofort im TV angesehen werden.

Einmalige Festspiele für den ORF

Apropos: Im Vorjahr beteiligten sich 2,3 Millionen Zuseher an den ORF-Festspielen rund um Red Bull, Stratos und Stratosphärensprung. Einen Marktanteil von 59 Prozent bescherte das dem ORF; auch aus diesem Grund blieben die ORF-Quoten im Vorjahr wieder mal stabil, nachdem es stetig bergab gegangen war. Mit Verzweiflung stemmen sich ORF-Chef Alexander Wrabetz und seine Führungscrew gegen diesen Trend. Der ORF steht ja mehrfach unter Druck: Von politischer Seite gibt es speziell in einem Wahljahr offene Begehrlichkeiten; die Kosten müssen weiter gesenkt werden; beim Programm muss der Spagat zwischen Anspruch und Breitenwirkung versucht werden.

Keine Frage also: Der ORF hat es nicht leicht. Aber ist das Ausrede genug für die dramatische Qualitätsminderung, die tagaus, tagein zu sehen ist? Von Leuchttürmen wie ZIB oder ZIB2 mal abgesehen, wird das Programm immer verzichtbarer. Semi-Promis auf der Tanzfläche, Undercover-Manager, hingenudelte Eigenproduktionen, peinliche Interviews, völliges Tohuwabohu im Sport, Fallenlassen jeder kulturellen Kompetenz (Live-Übertragungen von Opern sind noch lange kein Kulturkonzept!) – ist es Konzeptlosigkeit, Führungsschwäche oder ein Zusammenbruch jeglicher Motivation am Küniglberg, die den Staatsfunk so dastehen lässt?

Drei Beispiele gefällig? Bitte sehr:

1. Sport: Da zum Beispiel Auswärtsspiele der Fußballnationalmannschaft und Europacup-Auftritte heimischer Vereine im ORF nicht zu sehen sind, werden andere Ereignisse aufgemascherlt, bis es weh tut. Da wird aus einer Ski-WM eine Folklore-Sendung gigantomanischen Ausmaßes, bei der sich Folklore-Darsteller, mürrisch-skurrile Funktionäre und halblustige Sportjournalisten an ihrer eigenen Wichtigkeit berauschen müssen.

2. Dancing Stars & Co.: Nichts gegen Semi-Promis, die Tanzstunden nehmen und dann übers Parkett trampeln. Sendungen wie diese gibt es in aller Welt und in allen Variationen. Aber wie lange wird der ORF das noch ausreizen? Bis der letzte Seitenblicke-Hungrige auf die Tanzfläche geschleift wurde? Ausreizen ist überhaupt das Zauberwort im ORF: Wenn gar nichts geht, „Wir sind Kaiser“ geht immer.

3. Eigenproduktionen: Serien wie „CopStories“ sind Geschmackssache , doch auffällig oft wird der Geschmack des Publikums eben nicht getroffen.
Genug der Polemik, sehen wir uns die Fakten an. Zum Beispiel das Programm, das der ORF am Donnerstag geboten hat.

Ein Tag wie jeder andere

Zunächst ein Blick auf ORF (jetzt bitte hauchen:) e i n s: Am frühen Abend die bewährte Serien-Schiene, wie sie beispielsweise auch von Privatsendern serviert wird. Zweimal „How I Met Your Mother“, dann „The Big Bang Theory“, gefolgt von „Mein cooler Onkel Charlie“. Um 19.45 Uhr das ZiB-Magazin, das ist Information in homöopathischster Dosierung. Im Hauptabend “Soko Donau”, danach “Die härtesten Jobs Österreichs” – diesmal kommt laut Ankündigung Ex-Playmate Gitta Sax in der Großküche des LKH Graz ins Schwitzen und Dancing Star Rudi Roubinek braucht als Müllmann vor allem viel Kraft. Der Zuseher auch, denn nach dem ZiB-Flash (und ausreichend Werbung) folgt in „Lebe Deinen Traum“ ein Ausflug nach Dubai, ehe um 22.45 Uhr „Mein Leben – die Reportage mit Mari Lang“ folgt. Thema: „Die Geister, die ich rufe“.

Auf ORF 2 steht zunächst Süffig-Leichtes auf dem Programm: „Heute Leben“ zeigt unter anderem Exklusive Lingerie – schöne Dessous, Stift Altenburg und Stargast Joachim Meyerhoff , wenn auch nicht unbedingt in der Reihenfolge. Dann folgt „Heute konkret“, in etwas mehr als einer Viertelstunde müssen husch-pfusch Themen wie Hürden fürs Parkpickerl und Bargeld zu Hause abgehandelt sein. Nach Lotto, Bundesland heute, und der Zeit im Bild folgen Wetter, Sport aktuell und Seitenblicke. Im Hauptabend dann „Rosamunde Pilcher: Die Frau auf der Klippe“. Wer sich davon in romantische Stimmung gebracht hat, wird sich in „Lebens(t)räume“ hoffentlich nicht aus selbigen reißen lassen. Nach der ZIB 2 folgt zweimal ein „WELTjournal“ (schlechtes Gewissen?), ehe knapp vor Mitternacht Dennis Hopper und Peter Fonda als „Easy Rider“ unterwegs sind.

Programme mit Zukunft

Keine Frage, das ist für jeden etwas dabei, das er nicht sehen will. Aber ist auch etwas dabei, das uns zwingend vor den Fernseher treibt? Fast hat man Angst vor den nächsten Ideen des ORF. Armin Assinger kraxelt um einen Lagerhaus-Tisch und stellt dabei ehemaligen Prominenten Fragen über die Ski-Geschichte des Landes? Elmar Oberhauser beim Verhandeln um die Rechte an der Champions League („Mein härtester Job nach dem Besuch am Sturm-Platz“)? Christoph Feurstein, der sich in Schokolade tauchen lässt und dann selbst interviewt und sich selbst Supervision gibt? Eine Eigenproduktion, bei der die besten Rosamunde Pilcher-Romane vermischt und für den Schauplatz Wien-Simmering adaptiert werden („Roserl Pilcher: A ordinäres Leben“).

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass dem ORF die Kehrtwende aus diesem Schlamassel gelingt. Nicht nur der österreichischen Medienszene, der Gesellschaft und dem Land insgesamt würde ein starker, objektiver, qualitativ hochwertiger ORF gut tun. Aber mit viel Aufwand wenig Qualität produzieren, bringt diesen mittelfristig um.

Nachtrag: Wir hoffen, dass diese Vision von Maschek über die Programmplanung beim ORF nicht Realität wird:

Robert Prazak

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