Österreich versus USA: Hans Magenschab
über 'Völkerkerker' und 'melting pot'

Die Finsterlinge von Wien – und warum die USA die Tschechen lieben

Letzte Woche haben die Tschechen Barack Obama wie einen Rockstar begrüßt, als er den Atomabrüs­tungsvertrag in Prag unterschrieb. Neue Freunde also? Alte – beruhigen Diplomaten berufsbedingt. Tatsächlich haben seit dem Fall des Eisernen Vorhangs US-Präsidenten fünfmal die „Goldene Stadt“ besucht. Zum Vergleich: Nur einmal war George Bush bei einem ein­tägigen EU-USA-Gipfel in Wien, und die CIA hatte sogar das Klopapier mit eingeflogen. Letzte Woche traf Obama aber auf dem Hradschin auch die mitteleuropäischen Staatspräsidenten und Premiers – nachdem Thomas Klestil diese Präsidenten­gipfel vor 17 Jahren erfunden und patronisiert hatte. Tschechien ist jedenfalls in Europa ein offensichtlicher Darling der Amis, Austria ein Underdog. Warum?

Finsterlinge drängen ins Land
Man weist in Washington zum Ersten auf die antiamerikanischen Sentiments der Österreicher hin; weiters auf die Gehässigkeit der großen Medien, vor allem der „Krone“. Und schließlich sei man irritiert über das Interesse der Österreicher an Mittel- und Osteuropa einschließlich Russland. Finsterlinge drängen das Land auch noch in Richtung von unzuverlässigen Arabern und iranischen Gasproduzenten. Und derlei schätze man in den USA überhaupt nicht, weder bei den Republikanern noch bei den Demokraten. Parallel dazu produzieren amerikanische ­Intellektuelle laufend zeithistorische Sittenbilder ­Österreichs: Da geht es um den Vorwurf des latenten Antisemitismus und Antizionismus bis zur Unter­stellung, Österreich wolle weitere umstrittene Kunstschätze nicht rückstellen. Überdies und überhaupt: „Butcher“ Kurt Waldheim ist nicht vergessen. Der liberal-zeitgeistigen Tschechischen Republik hingegen gilt Lob und Bevorzugung; kann man sich doch auf Staatspräsident Václav Klaus als strammen EU-Gegner verlassen.

Es ist ein skurriler historischer Zufall,  dass auf den Tag genau vor hundert Jahren (15. und 16. April 1910) US-Präsident Theo­dore Roosevelt nach zwei Amtsperioden eine Europareise unternahm und auch Wien besuchte. Danach erklärte der damals 51-jährige US-Präsident, dass ihm von allen Spitzenpolitikern in Europa der abgeklärte 80-jährige Franz Joseph in Wien am meisten imponiert habe. Später – im Ersten Weltkrieg – stellte der gleiche Roosevelt die „Tyrannei“ Österreich-Ungarns auf eine Stufe mit jener der Türkei; und er bezeichnete Österreich als „Gefahr für die Zivilisation“. Was wiederum dem hundertjährigen Trugbild entsprach: Für die kämpferischen Gründer­väter der USA waren die steifen habsburgischen Erzherzöglein stets lächerlich-bigotte Figuren. Für die Wiener Hofburg hingegen war das freche Amerika nur ein gefährlicher Hort für Libertinage, Rebellion und Zerstörung der traditionellen Werte. Was insofern richtig war, als seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert aus ganz Europa die Dissidenten, Aufsässigen und Ultra-Nationalisten in die USA flüchteten. Unter ihnen auch viele Österreicher, die „Schwarze Legenden“ über den Gesinnungsterror in Europa im Gepäck hatten. Die junge, explodierende Presse verbreitete sie mit viel Getöse.

Bis heute sind die „Forty-Eighters“ in den USA ein Begriff – als Flüchtlinge der 1848-Revolution –, vor allem Intellektuelle, Linke, Sektierer. Der Prominenteste unter ihnen war damals ­Österreichs Todfeind – Lajos Kossuth, der die ungarische Republik ausgerufen hatte und 1852 in einem Triumphmarsch die USA durchquerte. Als dann Erzherzog Maximilian Kaiser von Mexiko wurde, trat das 25. Mobile Korps der US-Armee als „Freiwilligen“-Truppe an; mit Billigung, ja Unterstützung der USA siegte Präsident Juarez, der den Bruder von Kaiser Franz Joseph hinrichten ließ. Österreich wiederum verbot die amerika­nischen Mormonen wegen Polygamie, was die US-Überchristen besonders herausforderte. Die calvinistische Oberschicht der Staaten fand ihre Vorurteile gegen die romtreuen Habsburger bestätigt.

Ressentiments auf beiden Seiten
Ansonsten schaukelte man sich vor allem an der Nationalitätenpolitik hoch: Österreich-Ungarn sei ein „Völkerkerker“, schrieb man in den USA; Wien konterte, dass der forcierte „melting pot“ USA eine katastrophale Rassenmischungsagentur sei. In den offiziell noch immer neutralen USA erhielten allerlei Nationalitätenvereine die Möglichkeit, von jenseits des Atlantiks aus gegen die Donaumonarchie zu hetzen und Zeitungen in den diversen Sprachen der Monarchie zu vertreiben. Am erfolgreichsten agierten die Tschechen unter Tomás Masaryk – verheiratet mit einer Amerikanerin und Mitglied des österreichischen Abgeordnetenhauses. Nicht zuletzt sein Einsatz war maßgeblich für den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg. Das Kriegsziel: die Liquidierung von Österreich-Ungarn. Hatte er Recht? Aus amerikanischem Geschichtsverständnis: ja. Und doch gibt es unerklärbare Phänomene, die auf exakten Aufzeichnungen beruhen: Zwischen 1908 und 1912 verließen 1,043 Millionen österreichisch-ungarische Staatsbürger auf Auswandererschiffen Europa. Aber weniger als die Hälfte blieb in den USA – exakt 401.802. Der Rest ging wieder zurück, in den „Völkerkerker“, noch vor dem Endkampf, genannt Erster Weltkrieg. Weshalb es 2010 Zeit ist, den USA unmissverständlich wieder einmal klarzumachen, dass eine Verschlechterung des Verhältnisses zum kleinen Österreich nichts einbringt; aber auch den Österreichern, dass dümmlicher Antiamerikanismus auch nicht weiterhilft.

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