Nokia 3.0 - Drei Streiche der Finnen

Nokia 3.0 - Drei Streiche der Finnen

Thomas Jäkle

Déjà-vu oder ernst gemeintes Comeback? Ex-Handy-Weltmarktführer Nokia befreit sich von Microsoft und den Fesseln der Vergangenheit. Und kehrt zurück ins Konsumentengeschäft. Ausgerechnet mit Google-Software. Die Finnen erfinden sich neu - mit einer gewissen List.

Alles ist möglich – nicht nur im Lotto, sondern auch in der Technologiebranche. Das hat die Vergangenheit allzu gut gezeigt. Einst unsinkbare Unternehmen, mit Entwicklungen vom allerfeinsten à la Palm Pilot, Psion, Compaq oder Commodore sind von der Bildfläche verschwunden oder spielen nur noch eine Nebenrolle.

Die geballte Härte der schnell drehenden Technologiebranche hatte zuletzt Nokia als Weltmarktführer erfahren. Über zehn Jahre Nummer 1, unangefochtener Handy-Weltmarktführer, kam der Absturz binnen weniger als fünf Jahren. Nur weil erst ein Unternehmen namens Apple es im Jahr 2007 gewagt hatte, nicht mehr länger nur Computer und Musikabspielgeräte zu bauen, sondern auch das i-Tüpfelchen vor das Phone zu setzen.

Nein. Apple ist (noch) nicht Weltmarktführer bei Smartphones (auch wenn die Fanboys dies der Welt gern glauben machen wollen). Aber verdient dank großer Margen Milliarden. Und Nokia ist noch nicht (ganz) weg vom Fenster. Bei Microsoft wurde die Marke Nokia kürzlich zwar ausgeflaggt. Die Technologie und Patente der Finnen wird aber weiterhin noch in den Microsoft Windows Phone verbaut werden – mit bescheidenem Erfolg.

Nun plant Nokia offenbar das große Comeback. Nachdem Microsoft nun eine Art Kindsweglegung mit der Marke Nokia gemacht hat (sie wird vorläufig nur noch auf Billig-Smartphones verwendet), schlägt offenbar wieder die Stunde der Finnen. Zu den Telefonleitungen will Nokia nun auch wieder Konsumentenprodukte bauen. Mit einem Tablet-PC kommt nun das Comeback im Konsumentengeschäft. Und ausgerechnet mit der Software von Microsoft-Feind Google, was eine besondere Duftnote hinterlässt. Unter die Haube des neuen Tablets von Nokia mit dem „N1“steuert Googles Android-Betriebssystem des Rechners.

Der erste Streich

Ein Schelm wer dabei denkt, dass Nokia nun die große Chance nutzt, sich von Microsoft abnabelt und „back to the roots“ mit einem Retroprogramm in die Zukunft schreitet – und dem Tablet wohl auch ein neues Smartphone nachfolgen lässt. Für die Produktion und Vermarktung des „N1“sei laut Nokia ein chinesischer Konzern zuständig. Dabei soll es sich um Apple-Partner Foxconn handeln. Nokia bringt „nur“ das Technologie-Knowhow ein.

Klingt harmlos, ist es aber nicht. Wie wichtig Telekom-Knowhow ist, davon könnte kein geringerer als Microsoft unzählige Oden aufsagen. In über 15 Jahren probierte der US-Konzern ein Dutzend Mal (gefühlt!) den Einstieg ins Mobilfunkgeschäft. Und jedes Mal folgte der Bauchfleck. Und ausgerechnet die Übernahme von Nokia im Jahr 2013 – 5,44 Milliarden Euro schwer – zeitigt für Microsoft (noch) nicht den wirklich großen Erfolg. Höherwertige Smartphones mit dem Fenster von Microsoft sind bei Konsumenten nicht gerade der große Wurf. Samsung, Apple, selbst Sony und auch die Konzerne aus Fernost wie LG, Huawei, ZTE, Lenovo und Xiaomi sind am Smartphone-Markt stärker als Microsofts Windows Phone mit Nokia-Emblem.

Der zweite Streich

Und nun schlägt auch noch Nokia zurück. Nicht ausgeschlossen, das die Finnen einen „Plan B“ aus der Schublade ziehen. Fast vermessen ist listige Vorstellung, die Finnen hätten den Ballast des Konzerns aus den alten Tagen, sich gar vom Schrott und hohen Kosten befreit. Und sich dies von Microsoft überdies noch teuer abkaufen lassen.

Ob die Finnen an die alte Zeit anknüpfen können? Die Runderneuerung bei Nokia - das Geschäft mit Telekom-Infrastruktur an die Netzbetreiber läuft rund - samt Loslösung der alten Handy-Sparte könnte eine wohltuende Befreiung bewirken. Allerdings sind auch viele Ingenieure bei Nokia nicht nur von der Kommandobrücke abgegangen.

Der dritte Streich

Die Marke Nokia ist in den Köpfen der Konsumenten noch präsent. Und Nokia steht noch immer für Qualität. Und dass man ohne eigene Fabriken, aber auch mit einem starken Partner à la Foxconn in China oder sonstwo auch internetfähige Handys und Tablet-Computer bauen kann, mit denen zudem hohe Margen erzielt werden, hat Apple seit sieben Jahren eindrucksvoll bewiesen. Nokia dockt nun schon mal an beim Konsumenten mit dem Tablet „N1“. Und bald mit einem Smartphone? Auferstanden aus Ruinen - das wäre der dritte Streich - Nokia 3.0.

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