Niederösterreicher rechnen anders

Niederösterreicher rechnen anders

Summa summarum haben die Niederösterreicher seit 2002 knapp eine Milliarde Euro verzockt. Gratulation, Herr Landeshauptmann Erwin Pröll!

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise sind sich besonders in Österreich Politiker aller Couleurs in einer Sache vollkommen einig: Den miesen Spekulanten gehört das Handwerk gelegt, strenge Gesetze und eine Finanztransaktionssteuer müssen her. Der automatisiert Computerhandel ist das Teufelszeug schlechthin und muss überhaupt abgeschafft werden. So viel zur populistischen Propaganda für das Volk.

Im eigenen Handeln schaut die Geschichte aber völlig anders aus, denn um strukturelle Defizite aufzuhübschen, greift man gerne zu allen möglichen spekulativen Instrumenten. Blöd nur, wenn das Ganze in die Hose geht und statt schönen Gewinnen hässliche, medienwirksame Verluste entstehen.

Aktuellstes Beispiel ist das rote Salzburg. Aber wie gesagt, hier geht es nicht um politische Farbenlehre, denn beim Zocken sind sie alle gleich. Der Fairness halber sei angemerkt: Nur die Grünen wohl tatsächlich nicht. Wenngleich sich der Widerstand von Vassilakou und Co. gegen die mit rund 300 Millionen Euro unter Wasser liegenden Franken-Kredite in Wien auch unter der Wahrnehmungsgrenze abspielt.

Im seltsamen Umgang mit der Veranlagungs-Wahrheit schießt aktuell allerdings Niederösterreich den Vogel ab. Immerhin hat der Rechnungshof schon mehrfach mit dem Finger auf die NÖ-Wohnbaudarlehen gezeigt und kräftige Verluste attestiert. Erwin Pröll himself sieht das Ganze freilich anders. Im Kurier-Interview prahlte er sogar mit einem Gewinn seit 2002 von 824 Millionen Euro und einer Verzinsung von drei Prozent. Äußerst kreativ, Herr Landeshauptmann!

Die Wahrheit sieht freilich anders aus, denn laut Homepage der landeseigenen Vermögensverwaltungsgesellschaft Fibeg beträgt der "Veranlagungserfolg" lediglich 2,2 Prozent pro Jahr. Jetzt könnte das niederösterreichische Wahlvolk geneigt sein, über diesen Rundungsfehler des Herrn Pröll tolerant hinwegzusehen, schließlich sind plus 2,2 Prozent besser als die Salzburger Verluste. Allerdings können Veranlagungsgewinne im Fall von Niederösterreich in Wirklichkeit schwere Verluste bedeuten. Denn auch darauf hat der Rechnungshof schon mehrfach hingewiesen, nur anscheinend will es keiner so richtig hören.

Daher sei an dieser Stelle noch einmal der Finger in Erwin Prölls klaffende Veranlagungswunde gelegt und ein paar erhellende Zeilen angeführt: Als Grundlage für die Veranlagungsgeschäfte in Niederösterreich gelten verkaufte Wohnbaudarlehen die das Land ursprünglich vergeben hat. Diese Darlehen waren und sind stockkonservativ, bringen solide Zinserträge und die Ausfallswahrscheinlichkeit ist so gut wie Null. Nun waren die Zinserträge den Damen und Herren in St. Pölten zu gering und so begann man eben ab 2002 die Darlehen zu verkaufen, um am Markt eine höhere Verzinsung auf das eingesetzte Kapital zu erzielen. Laut Rechnungshof müsste, um einen Vorteil gegenüber den Zinseinnahmen vor dem Verkauf zu erzielen, ein jährlicher Zinsertrag von mindestens 4,6 Prozent pro Jahr eingefahren werden. Problem: Weder die von Erwin Pröll generös aufgerundeten drei Prozent noch die tatsächlichen 2,2 Prozent kommen auch nur annähernd an die Mindestvorgaben heran. Als Ziel hatten sich die Niederösterreich seit 2002 übrigens fünf Prozent pro Jahr erwartet. Derartige Zinsversprechungen kennt man sonst eigentlich nur von AWD-Beratern.

Aktuell beträgt der Wert des veranlagten Kapitals übrigens 3,305 Milliarden Euro. Bei solchen Beträgen bedeutet eine Zinsdifferenz von 2,4 Prozent pro Jahr also eine ganze Menge Holz. Inklusive Zinsenszinseffekt entstehen aktuell also knapp 100 Millionen Euro pro Jahr an negativer Veranlagungsdifferenz gegenüber den ursprünglichen, risikolosen Wohnbaudarlehen. Summa summarum haben die Niederösterreicher seit 2002 also knapp eine Milliarde Euro verzockt. Gratulation, Herr Landeshauptmann!

P.S.: Die Empörten aus SPÖ und FPÖ haben der genialen „Veranlagungsidee“ 2002 übrigens im Landtag ihren Segen gegeben. Daher gilt auch in diese Richtung: Gratulation!

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