Nichts für das Leben lernen wir …

Die Ablehnung der Ganztagsschule ist ein kleines Abbild des großen Problems in Europa: Wir verdrängen, dass wir uns mehr anstrengen müssen.

Wo stünde ein Unternehmen, das sich während der letzten 15 Jahre weigerte, irgendetwas an seinen Arbeitsprozessen zu ändern, weil es die Tatsache der Globalisierung standhaft ignorierte? Wahrscheinlich stünde es gar nicht mehr, sondern hätte Konkurs angemeldet.

Schulen gehen nicht in Konkurs. Deshalb konnte sich die österreichische Politik auch erlauben, über ein Jahrzehnt lang ohne Ergebnis über den Ausbau von Ganztagsschulen zu streiten – obwohl diese Form der Bildungsvermittlung längst als die erfolgreichste erkannt wurde. Die leichten Marktanteilsverluste des staatlichen Systems zugunsten von Privatschulen haben keinen gestört. Aber war da nicht auch ein dramatischer Abstieg in den PISA-Vergleichstests zu verzeichnen?

Ein Bildungssystem kann zwar nicht insolvent, sehr wohl aber im übertragenen Sinne bankrott sein, wenn es sich nicht mehr erneuert. Die jetzt von SPÖ und ÖVP erzielte Einigung über die Ganztagsschule ist – vornehm formuliert – überfällig und ein viel zu zaghafter Schritt. Die zusätzlichen 80 Millionen Euro, die pro Jahr zur Verfügung stehen, sind der Preis für drei Viertel eines Eurofighters, dessen Nutzwert sich vergleichsweise schwerer erschließt.

Dass es bis Ende 2012 dauerte, bis die ÖVP, die einen Angriff auf die traditionelle Familie vermutet, widerstrebend den Sanktus zur schulischen Ganztagsbetreuung gab, sagt viel über das Weltbild von Parteichef Spindelegger und seinem Bildungsexperten Werner Amon aus. Die Weigerung, veränderte Familienrealitäten anzuerkennen, erinnert an Traditionalisten, die sich vor 175 Jahren gegen die Einführung der Eisenbahn wehrten.

Die Ausweitung der nachmittäglichen Betreuung, zu der man sich durchringen konnte, ist ohne Zweifel besser als nichts. Immer weniger Familien können diese leisten, was sich auch an der steigenden Zahl verhaltensauffälliger Kinder ablesen lässt. Der „Erfolg“ kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die echte Ganztagsschule mit einem sogenannten verschränkten Unterricht wieder nur halbherzig angegangen wurde. Note: wenig befriedigend.

Mit kräftiger Rückendeckung der ÖVP hat die Gewerkschaft durchgesetzt, dass die Lehrer einer Schule ganztägigen Unterricht ablehnen können, auch wenn Schüler und Eltern dafür sind. Somit steht jetzt schon fest, dass von den 200.000 Betreuungsplätzen, die der Ministerin bis 2018 vorschweben, nur ein Mini-Anteil auf den verschränkten Unterricht entfallen wird – wo Schulstunden, Projektarbeit, gemeinsames Essen, Bewegung und Übungsaufgaben über den ganzen Tag verteilt sind.

Halb so schlimm, könnte man einwenden, Finnland erzielt auch ohne dieses Modell Spitzenplätze in den PISA-Rankings. Ja, aber erstens kompensieren die Finnen das durch beinharte Qualitätsselektion bei Lehrern und durch 100 Prozent Betreuungsquote am Nachmittag (Österreich: 17,5 Prozent). Zweitens ändert dieses Beispiel nichts daran, dass ausnahmslos alle pädagogischen Studien die Überlegenheit des verschränkten Unterrichts betonen, weil er soziale Kompetenzen und Kreativität besser fördert. Und es ist wohl kein Zufall, dass weltweit alle Eliteschulen ganztägig geführt werden.

Jeder Auftritt von Lehrer-Funktionären erweckt den Eindruck, ihre Mission sei, die Lehrer vor zu viel Arbeit zu schützen (Stichwort: zwei Stunden mehr in der Schule). Und das ist das eigentlich Besorgniserregende an der Diskussion. Natürlich bedeutet es mehr Aufwand, die abgeschlossenen und kreativitätshemmenden 50-Minuten-Unterrichtseinheiten aufzubrechen – und gemeinsame Aktivitäten für den ganzen Tag zu planen. Aber sollen Lehrer ein Vorbild dafür sein, sich bequem in wohlerworbenen Rechten einzurichten, anstatt den Willen zu zeigen, wieder an die Spitze zu kommen? Oder muss es nicht doch umgekehrt sein?

Lehrer müssten offensiv für die Ganztagsschule und alle Maßnahmen werben, die größtmöglichen Bildungserfolg versprechen, anstatt sich verschreckt zu ducken. Die damit verbundene Mehrarbeit kann bei Menschen mit 15 Wochen Ferien im Jahr nicht zu viel verlangt sein. Viele Lehrer zeigen dieses Engagement, noch mehr aber tun es nicht.

Im Kleinen zeigt sich hier das große europäische Dilemma: Außer in Skandinavien ist bei den Europäern noch nicht so recht angekommen, dass wir uns schlicht mehr anstrengen müssen als früher, wollen wir unseren Wohlstand behalten – weil unser Vorsprung bei Bildung, Know-how und Produktivität gegenüber anderen Weltgegenden rapide am Schrumpfen ist. Das Bewusstsein dafür zu schaffen finge in der Schule an.

- Andreas Lampl

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