Nackte Tatsachen

Nackte Tatsachen

Heikles Terrain: Auf der einen Seite findet das Land Conchita Wurst, einen homosexuellen Mann, der eine Frau mit Bart darstellt, super. Auf der anderen regt man sich massiv über das Plakat des US-Künstlers David LaChapelle für den Life Ball mit einem Transgender-Modell auf.

Also: über eine Frau mit Penis. Schon schieben selbsternannte Wutmütter angeblich "überforderte“ Kinder vor, um eigenes reaktionäres Verhalten zu rechtfertigen. Dabei ist die Sache in einer ohnehin übersexualisierten Welt gerade Kindern wohl mit einem Satz erklärt. Schon wird der Ruf nach Schutz der öffentlichen Ordnung laut. Und der Boulevard, der auf seinen Titelblättern selten auf Nackte, Waffen oder Kriegsgräuel verzichtet, gibt der Diskussion breiten Raum. Dumm nur, dass die "Kronen Zeitung“ einer der Hauptsponsoren des Life Balls ist. Das ganze Land war es wohl leider nie, das Conchitas Botschaft super gefunden hat. Die Kritiker haben einfach im allgemeinen Toleranztaumel, den der Sieg ausgelöst hat, nur geschwiegen. Der erste Hype ist nun vorbei, und schon funktioniert er wieder, der pawlowsche Reflex. Zumindest auf die FPÖ und ihr Wählerpotenzial kann man sich verlassen. Da gibt es prompt Kritik am Wurst-Konzert und eine Anzeige gegen das Life-Ball-Plakat wegen Pornographie.

Was immer sich Life-Ball-Mastermind Gery Keszler erhofft hat, das Plakat funktioniert vor allem als Lackmustest für den wirklichen Status quo der gesellschaftlichen Toleranz: Willkommen in Österreich.

- Michaela Knapp

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