Nach der EURO & den Olympischen Spielen:
Wahlkonfrontationen im ORF

„Wo bleiben Zeitlupenwiederholungen, wo die Aufnahmen aus verschiedenen Kamerablickwinkeln?“

Nach der Fußball-EURO im Juni und den Olympischen Spielen im August sind wir medienmäßig sozusagen direkt in den österreichi­schen Wahlkampf geschlittert. Die Übertragung von Sportveranstaltungen hat sich ja in den vergangenen Jahren enorm verändert. Da wird nicht mehr nur das Ereignis abgebildet, sondern Vorher- und Nachher-Analysen umrahmen den Live-Event, Diskussio­nen über den sportlichen Ausgang halten die Zuschauer bei der Stange.

Wenn das im Sportprogramm funktioniert, dann machen wir das doch auch in der Politik-Berichterstattung (war vermutlich der Gedankengang der ORF-Verantwortlichen). Kann man auf diese Weise selbst ein recht langweiliges Fußballmatch spannend reden, dann wird das doch wohl auch bei den Konfrontationen der Spitzenkandidaten funktionieren. Aber der Feind des Erfolges ist – wie man weiß – die Inkonsequenz, und so bleibt dieses neue Konzept leider im Ansatz stecken. Zwar bietet man uns nach der Live-Konfrontation im ORF Wiederholungen spezieller Szenen mit dem Kommentar von Fachleuten. Aber wo, bitte schön, sind die Zeitlupenaufnahmen, wo die Aufnahmen aus den verschiedenen Blickwinkeln der um das Geschehen postierten Kameras? (Das gekonnte schiefe Lächeln Jörg Haiders, verlangsamt, schon im Ansatz erkennbar und dann in seiner ganzen Entfaltung zu genießen!) Diesen Aufwand darf man einfach nicht scheuen. Erst dann werden die Analysen des Poli­tologen richtig einzuordnen sein. Eine gute ­Besetzung übrigens, gleicht seine Frisur doch jener des „Schneckerl“ Prohaska und regt zu der Frage an, ob er in seiner Studentenzeit möglicherweise auch vollkommen anders ausgesehen hat, vielleicht den Spitznamen „Wuckerl“ hatte? Bemerkenswert auch sein gekonnt freihändiger Einsatz von Dativ und Akkusativ, wiewohl „Schneckerl“ mit seiner dahingehenden leichten Unschärfe ein unverwechselbares Profil entwickeln konnte.
Die Motivforscherin gibt uns Bildbeschreibungen der Szenen, die wir bis dahin schon zweimal gesehen haben (der Kontrahent agierte sehr „angriffig“, sagt sie). Das ist offenbar ein Mittelding zwischen „gut zu fassen“ und „angreifend“, erklärt uns aber nicht die Motive dieser Aktio­nen. Die müssen vermutlich erst erforscht werden.

Natürlich könnte man mit einigen weiteren medialen Kunstgriffen die Konfrontation der Kontrahenten noch zusätzlich aufpeppen. Die armen Politiker wirken ja zwischendurch ziemlich angestrengt, müssen sie doch einerseits vor der Kamera den Kandidaten mit scharfem Profil mimen, andererseits sich anschließend sofort zu Gesprä­chen für eine gemeinsame Vorgehensweise zusammensetzen. Da ist einiges an Darstellungskunst gefordert.

Um die Zuseher auf Feinheiten der Gesprächsführung hinzuweisen, sollte ein begleitender Kommentar aus dem Off dazugesprochen werden. Ganz im Stile einer Boxübertragung. Und der kongeniale und leidenschaftliche Sigi Bergmann vom Sport wäre für mich die erste Wahl. Das könnte dann vielleicht mit leiser und eindringlicher Stimme so gehen: Und jetzt packt Haider völlig überraschend eine seiner ältesten Finten, das Nationalbankpensions­taferl, aus; wird Van der Bellen da hineinstolpern, nein, er reagiert gekonnt mit seinem „Grantler-Reflex“ und drängt Haider seinerseits in die Defensive, dieser reagiert mit seinem entnervenden Grinsen; so ist das, meine Damen und Herren, bei beinharten Profikämpfen, da wird mit allen Mitteln gearbeitet. Uii, jetzt hat sich Strache zu weit aus der Deckung gewagt und sich ein blaues Auge geholt, passt aber gut zur Teamfarbe, Faymann pendelt gekonnt aus, ohne sich selbst zu verausgaben, generell wird sehr auf die Deckung geachtet, hin und wieder gibt’s Attacken unter der Gürtellinie, aber wichtig ist, über die Runden zu kommen; konsequent die Schiedsrichterin Thurnher, besonders was das Unterbinden des Infights betrifft, in dem sich die Konkurrenten nur auszuruhen versuchen …, usw. Das wäre doch Orientierung pur. Man wüsste, worauf man zu achten hat, auch Laien würden instruiert und könnten der Konfrontation besser folgen.

Wahrscheinlich ist das überhaupt das Prinzip der Zukunft. Über den Tellerrand des eigenen TV-Formats hinausschauen. Erfolgreiche Konzepte aus anderen Bereichen übernehmen:
- ein bissl Musikantenstadel in die Kultur,
- ein bissl Krimi in die Oper (gibt’s ja schon),
- ein bissl große Oper in den Sport,
- ein bissl Sport in die Politik.
Voilà!

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