Monika Langthaler: "Never Waste a Good
Crisis“: Der Staat muss ethisch investieren

Fragen der Moral seien für Finanzmarktentscheidungen nicht relevant, hieß es zuletzt, als vom Rechnungshof die Verluste der Bundesfinanzierungsagentur (ÖBFA) und deren Veranlagungsstrategie publik gemacht wurden. Eine mehr als problematische Einstellung. Denn gerade bei der Veranlagung öffentlicher Gelder müssen Verantwortung und Moral eine große Rolle spielen. Und das in zweierlei Hinsicht:

- Kein unnötiges Risiko: Auch wenn hohe Gewinne locken und Ratingagenturen zum Kauf raten: Intransparente Derivatgeschäfte in der Karibik gehören nicht ins Portfolio eines Staates. Das Risiko, dass es hier zu Totalausfällen oder massiven Gewinneinbrüchen kommen kann, ist schlicht zu hoch.
- Ethisch veranlagen: Gerade institutionellen Investoren kommt hier eine hohe Verantwortung zu. Es darf nicht gleichgültig sein, woher das Geld oder die Gewinne kommen. Werden, so wie bei der ÖBFA, über zehn Milliarden Euro investiert, kann durchaus von einer Marktmacht gesprochen werden. Die kann entweder dazu eingesetzt werden, nachhaltig zu investieren, indem in Unternehmen und Technologien zum Beispiel im Bereich erneuerbare Energien investiert wird. Oder indem nicht nachhaltige Trends verstärkt werden, wenn etwa Hedgefonds auf den Preisverfall von Rohstoffen und Nahrungsmitteln wetten und dadurch ganze Märkte und Regionen unter Druck geraten können.

"Never waste a good Crisis"
Wie formulierte es US-Außenministerin Hillary Clinton vor einigen Wochen in Zusammenhang mit der Wirtschaftskrise? „Never waste a good crisis!“ Gemeint hat sie damit, dass der durch die Wirtschaftskrise eingeleitete Strukturwandel zu mehr Energieeffizienz und Klimaschutz genutzt werden könnte. Derselbe Gedanke drängt sich angesichts der nun einsetzenden Diskussion über Veranlagungsstrategien und -kriterien von Bund, Ländern, Gemeinden und öffentlichen Unternehmen wie den ÖBB auf.

Es ist hoch an der Zeit, endlich allgemein akzeptierte Nachhaltigkeitskriterien zu definieren und etwa durch einen Ethikbeirat begleiten zu lassen. Ein Staat macht sich extrem unglaubwürdig, wenn er international gegen Atomenergie oder die Klimaänderung auftritt, sein Geld aber genau in diesen Bereichen anlegt. Nicht dass Österreich speziell in umweltschädliche Technologien oder Kriegsgeräte oder Länder mit Kinderarbeit investiert hätte. Aber es war schlicht kein Thema. Es zählten nur die hohen Renditen.

Dabei gibt es international und in Österreich zahlreiche Beispiele, die nachhaltige Investments auch wirtschaftlich in einem sehr positiven Licht erscheinen lassen. Eine überwiegende Mehrzahl an internationalen Studien, die sich seit den 70er- Jahren mit dem Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und finanzieller Performance von börsennotierten Unternehmen beschäftigen, kommt zu folgendem Ergebnis: Investments, die an Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, müssen keine Performanceeinbußen gegenüber ihren konventionellen Benchmarks hinnehmen, sie übertreffen diese sogar tendenziell. Zwei aktuelle Beispiele verdeutlichen die vergleichsweise gute Performance nachhaltiger Investments:

Eine vor kurzem publizierte Studie kommt zu dem Resultat, dass Unternehmen, die sich mit einem Bekenntnis zur Nachhaltigkeit positioniert haben, besser aufgestellt sind als ihre „klassisch“ agierenden Mitbewerber. Über den Zeitraum von Mai 2008 bis November 2008 wurde gezeigt, dass nachhaltige Unternehmen eine durchschnittlich um bis zu 15 Prozent höhe- re Performance erzielten als die gesamte Industrie.

Win-Win-Situation
Ein Blick auf die Entwicklung des VÖNIX (VBV Österreichischer Nachhaltigkeitsindex) im Vergleich zu seiner Benchmark, dem ATX Prime, weist seit dem Start des Index im Juni 2005 eine kumulierte Outperformance von beinahe 18 Prozent aus. Nachhaltige Investments und die Erwirtschaftung entsprechender Renditen schließen einander also nicht aus, sondern bewirken vielmehr eine Win-Win- Situation.

Im Prinzip funktioniert ein nachhaltiges Portfolio- Management derart, dass beispielsweise in die „nachhaltigsten“ Unternehmen der jeweiligen Branche investiert wird („Best in Class“). Zusätzlich werden bestimmte Ausschlusskriterien definiert (z. B. keine Rüstungsbetriebe, keine Atomenergie), die tabu sind.


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