Mitschneiden für jedermann

Mitschneiden für jedermann

Die großen Schlachten werden im Wahlkampf nicht geschlagen, sondern mit Reichensteuern, billigeren Mieten und sicheren Pensionen. Schade.

Warum ist die Voestalpine der beste Stahlkonzern Europas? Rechtzeitiger Abschied vom Massenstahl? Ausstieg des Staates? Weitsichtiges Management? Alles zutreffende Antworten. Aber für den Erfolg der Voest gibt es noch einen wesentlichen Grund: Über 20.000 Mitarbeiter sind zusammen mit 14,4 Prozent an dem Konzern beteiligt.

In der politischen Debatte sind Beispiele wie das der Voest betrüblicherweise selten ein Thema. Auch das kürzlich präsentierte Wahlprogramm der ÖVP enthält über weite Strecken die gewohnten Hausnummern, Phantasiezahlen und Plattitüden: 420.000 neue Arbeitsplätze, sechs Prozent Forschungsquote, Stärkung der direkten Demokratie. Immerhin hat ÖVP-Chef Michael Spindelegger aber – gut versteckt – den Punkt „Mitarbeitererfolgsbeteiligung über steuerliche Anreizsysteme“ aufgenommen.

Die großen Schlachten werden damit im Wahlkampf nicht geschlagen, sondern mit Reichensteuern, billigeren Mieten und sicheren Pensionen. Schade: Denn zur „Entfesselung der Wirtschaft“, die der ÖVP vorschwebt, wäre die stärkere Partizipation der Mitarbeiter an der Performance ihres Unternehmens einer der effizientesten Wege. Und auch gleich ein Beitrag zu mehr Verteilungsgerechtigkeit.

Die wirtschaftliche Dynamik ließe sich jedenfalls nachhaltiger erhöhen als mit Tunnelprojekten oder gar mit neuen Steuern. Es liegt auf der Hand: Wenn viele Beschäftigte zu Mitunternehmern werden, dann steigen Produktivität, Verantwortungsgefühl und Innovationsbereitschaft genauso, wie etwa Krankenstände sinken. Die Selbstorganisation eines Betriebes verbessert sich schlagartig.

Vorrangig ist die Einführung solcher Modelle natürlich Sache der Unternehmen. Einem Strabag-Konzern oder der Spar-Gruppe gesetzlich vorzuschreiben, das Personal am Gewinn zu beteiligen, wäre ein komplexes Unterfangen. Die Politik kann aber öffentlichen Druck aufbauen, dass ein Teil der Profite – in einem vernünftigen Verhältnis zur Ausschüttung an Eigentümer/Aktionäre – mit den Mitarbeitern zu teilen ist. Nicht nur mit Führungskräften, sondern mit allen; in einem substanziellen Ausmaß. Mit entsprechendem Nachdruck kann ein Klima entstehen, in dem Unternehmen, die das nicht freiwillig tun, als unattraktive Arbeitgeber
gelten und nur noch schwer gute Leute finden.

In Zeiten, in denen die Gewinne häufig viel stärker steigen als die Löhne, ist so ein System am Ende des Tages die einzig probate Lösung für die Verteilungsfrage – auch weil Unternehmen in Abschwung-Phasen vor unzumutbaren Belastungen bewahrt werden. Die Magna-Gruppe und viele andere Beispiele beweisen, dass es an der Akzeptanz von Eigentümern, auf deren Kosten die Mitarbeiterbeteiligung letztlich geht, nicht scheitert. Ohne ihr Modell wäre Magna nie zu einem Weltkonzern geworden.

Der nächste Schritt, die Beschäftigen nicht nur am Profit, sondern direkt am Kapital zu beteiligen, wäre noch konsequenter, kann aber im großen Stil kaum umgesetzt werden.

Was unbedingt umgesetzt werden müsste, sind steuerliche Anreize. Derzeit unterliegen Erfolgsprämien der vollen Lohnsteuer, was deren
Attraktivität sehr schmälert. Die Regierung wäre gut beraten, die Abgabenhöhe an jene für Kapitalerträge – also 25 Prozent – anzupassen. Eine Investition, die sich in Form verbesserter Standortqualität vielfach bezahlt machen würde. Auch die Steuererleichterung bis 1.450 Euro für den begünstigten Erwerb von Firmenanteilen ist mehr als mickrig.

Auf der Bremse stehen leider SPÖ und Arbeitnehmervertreter. Erstens fürchtet man eine Schwächung der Gewerkschaften. Zweitens will man sich die Umverteilung nicht aus der Hand nehmen lassen. Lieber werden die Gewinne über Steuern abgeschöpft und dann verteilt, als diesen Prozess ohne den Staat ablaufen zu lassen. Lieber wird über die Ungleichheit lamentiert, als die private Vermögensbildung zu fördern.

Die Partizipation der Beschäftigten zu forcieren, wäre jedenfalls weitaus effizienter, als sich den Kopf über das Weltproblem zu zerbrechen, ob Krankheit nicht nur einen Urlaub, sondern auch einen Zeitausgleich unterbricht. Und die Arbeiterkammer sollte in ihrer alljährlichen Studie die Ausschüttungen an Eigentümer besser mit jenen an die Mitarbeiter vergleichen als mit der Lohnsumme.

Mangelnde Anreize durch Regierung und Sozialpartner sind mit ein Grund, wieso in Österreich nur sechs Prozent der Unselbständigen an ihren Unternehmen beteiligt sind. – Die Voest-Mitarbeiter kassierten soeben 22 Millionen Euro an Dividende.

- Andreas Lampl

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