@matstrolz – können die Neos auch #liefern?

Die riesigen Hoffnungen, die in die Neos gesetzt werden, führen zu einer Frage: Würden sie die Erwartungen in einer Regierung auch erfüllen?

@matstrolz – können die Neos auch #liefern?

@matstrolz lautet die Adresse des Neos-Gründers auf Twitter. Von den Parteichefs ist er der aktivste. Mehr als 4.300 Tweets, also kurze Nachrichten, hat er schon abgesetzt. Die Schar seiner Follower geht gegen 10.000. Weniger als Twitter-König Armin Wolf , jedoch eine Menge im Vergleich zu – sagen wir – Kanzler Werner Faymann . Der hält bei 58 Tweets, 2.633 Followern und hat die Aktivitäten auf diesem Kanal 2011 eingestellt. Von den Erstereihepolitikern liegt nur @sebastiankurz vor Strolz.

Die Twittersucht kann man als Kinderei oder narzisstische Störung abtun. Aber via Twitter sind nicht nur Revolutionen ausgelöst worden, auch die Deutungshoheit über die Zeitläufte findet längst auf diesem Marktplatz statt. Und der Mann zwitschert in jeder Lebenslage, ob aus Parlament, Straßenbahn, Wirtshaus: „Geil@matstrolz zaubert ein Lächeln auf Gesicht von EU-Präsident Schulz! Die Liebe!“ Kein Tag ohne die 140 Zeichen, keiner ohne pinke Botschaften.

Die Neos sind nach wie vor Partei der Stunde, auch sechs Monate nach Einzug in den Nationalrat. In Umfragen haben sie sich verdreifacht, schnupfen gerade die Grünen. Die Koalition hat auch dank Neos-Boom demoskopisch die Mehrheit verloren.

Die Marke Strolz gibt es flächendeckend auf allen Kanälen. Auf modernen wie Twitter sowieso, aber auch auf altbewährten wie der „Krone“. Dort erhielt er vergangenen Sonntag vor 3,1 Millionen Lesern in einer Art Naturhomestory den Ritterschlag. Barfuß im Grünen treibt er an einen Baum gelehnt Yoga. Erzählt wird „die Geschichte eines Mannes, der alles riskierte und gewann: Der seine Firma für die Politik aufgab, und schon mal fünf Tage zum Fasten und Meditieren in den Wald entrückt“ („Krone“).

Ja Leute, der Messias ist da. Der, auf den alle lange gewartet haben. Nicht so grau und müde wie die Chefs der Einheitspartei SPÖVP, nicht so ungustig wie der Rechtsaußen, nicht so verbotszentriert wie die Grüne. Ja, @matstrolz ist frisch, im besten Alter, urban, nicht zu fesch, redet wie du und ich, nennt Dinge beim Namen. Vielleicht mit einer esoterischen Schraube zu viel, doch sonst?

Die in der ÖVP sind entweder desperat oder beißen. Vor Angst. Ex-Minister Werner Fasslabend, jetzt Chef der schwarzen „Politischen Akademie“, sagte kürzlich Erstaunliches: „Vor den Neos würde ich mich nicht fürchten. Das ist ein momentanes Phänomen (...) Die werden wieder verschwinden. Es fehlt sowohl inhaltlich als auch personell an Substanz“. Christian Ortner nannte Fasslabend in der „Wiener Zeitung“ daraufhin „Comical Ali“ – nach jenem irakischen Minister, der selbst dann noch Saddam-Erfolge propagierte, als US-Panzer schon in Bagdad standen. Ortner: „Derzeit sieht es eher danach aus, als würden die Neos die ÖVP überleben.“

Die Gründe dafür sind oft beschrieben: Der totale Frust einer gebildeten, großteils bürgerlich-liberalen Mittelschicht mit der Wagenburg von SPÖ und ÖVP. Das Neos-Programm liest sich übrigens so, als hätten von A wie Androsch bis R wie Raidl sämtliche Experten sowie Leitartikler mitgeschrieben, um den Reformstau zu beenden. Es passt also, ist über weite Strecken pragmatisch vernünftig und vor allem frei von den Klientelbetonpatscherln, die SPÖ und ÖVP unter Wasser ziehen.

Gewaltige Hoffnungen also, die auf den Neos ruhen. Das führt zur zentralen Frage: Können die Neos auch liefern und die Erwartungen in einer Regierung umsetzen? Zwei Punkte sprechen dafür.

Erstens: die Substanz der Bewegung. Anders als den abgehalfterten Glücksrittern des Team Stronach, geht es den meisten echt um die Sache. Viele stehen im realen (Berufs-)Leben, wollen aus diesen Erfahrungen heraus gesellschaftliche Bedingungen verändern. Dass sich so mancher enttäuscht von den Neos abwenden wird, ist auch klar. Ebenso, dass sich manche(r) bald als Blindgänger entpuppen wird. Aber für eine junge Truppe dringt erstaunlich wenig Zank und Hader nach außen.

Zweitens: die Ressourcen. Wenn es stimmt – und daran ist nicht zu zweifeln –, dass die Industriellenvereinung Othmar Karas angeboten hat, den EU-Wahlkampf zu finanzieren, wenn er für die Neos antritt, heißt das nichts anderes: Nicht nur Bautycoon Hans Peter Haselsteiner ist bereit, in die Neos zu investieren, sondern auch viele weitere potente Kräfte in diesem Land. Das kann noch zur Zauberformel werden: Geld mal Sympathie schafft Expertise in einer postideologischen „Open Source“-Partei.

Bleibt die alles entscheidende Machtfrage: Was passiert, wenn @matstrolz in Regierungsverantwortung zum ersten Mal auf die geballte Kraft eines Michael Häupl oder Erwin Pröll trifft, weil er ihnen Geldmittel streichen will? Dann wird Liebe oder Flügelheben allein nämlich nicht mehr reichen. Aber wir werden’s erleben, eher früher als später.

- Andreas Weber

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