Martin Kwaukas Geldtipp der Woche:
Wer zahlt jetzt für die Konstruktionsfehler?

Kurz vor der Neuwahl im November 2002 wollte der damalige Finanzminister Karl-Heinz Grasser zum großen Wurf ausholen. Als Ausgleich
für die beschlossenen einschneidenden Kürzungen der staatlichen Pensionen wurde die Zukunftsvorsorge eingeführt: ein neues privates Zusatzpensionsmodell mit staatlichen Prämien. In nächt­lichen Sitzungen wurde eine Art Eier legende Wollmilchsau konzipiert. Mit einem Schlag sollte nicht nur die drohende Pensionslücke potenzieller Wähler geschlossen, sondern auch noch der Kapitalmarkt gefördert, die Wiener Börse belebt und die Wahl gewonnen werden. Wie so manches von Grassers Vor­haben war auch die Zukunftsvorsorge ein Schönwetterprodukt. Sie hatte von vornherein einen klaren Konstruktionsfehler: Die relativ hohe Mindestquote von 40 Prozent Aktien musste ausgerechnet an der ziemlich illiquiden Wiener Börse platziert werden, trotzdem wurde eine Kapitalgarantie gesetzlich vorgeschrieben.

Jahre mit angezogener Handbremse?
Dank der staatlichen Prämie wurde die Zukunftsvorsorge zum Absatzschlager. Hunderttausende Kunden müssen aber jetzt für die anfänglichen Konstruktionsfehler teuer bezahlen. Die Wiener Börse erwies sich in der Finanzkrise als einer der weltweit schlechtesten ­Börsenplätze.
Um nicht für die Kapitalgarantie einstehen zu müssen, zogen viele Anbieter die Reißleine. Die gesetzlich vorgeschriebene Aktienquote wurde so abgesichert, dass viele Produkte de facto ohne Ak­tien unterwegs sind. Der Super-Gau: Dieses Fahren mit angezogener Handbremse könnte sich noch lange hin­ziehen. Am schlimmsten sind junge Kunden dran, die sich womöglich jahrzehntelang an ein fußlahmes Produkt gebunden haben, aus dem man nur sehr schwer herauskommt. Guter Rat ist für die zahlreichen Betroffenen leider teuer. Als ersten Schritt sollte man sich genau über die aktuelle Wertentwicklung und Aktienquote des eigenen Produktes erkundigen. Wenn die noch für heuer geplanten gesetzlichen Reparaturmaßnahmen feststehen, kann überlegt werden, ob ein Wechsel zu einem anderen Anbieter möglich ist. Bei der Volksbank ist die Aktienquote noch intakt. Der dahinterliegende Fonds, der Austro-Garant, konnte vom Börsenaufschwung profitieren. Die Wertentwicklung einer monatlichen Einzahlung von hundert Euro zeigt nur eine verschmerzbare Delle (siehe Grafik ) .

Anbieter und Staat gefordert
Individuelle Lösungen sind aber nur das eine: Diejenigen Anbieter, die die Aktien neutralisiert haben, sollten im Interesse der Kunden wieder langfristig eine Aktienquote aufbauen und das Restrisiko selbst tragen – schließlich werden nicht un­wesentliche Garantieentgelte kassiert. Auch der Finanzminister kann nicht die Augen verschließen. Prämien zahlen reicht nicht. Man muss ab sofort überwachen, dass die Aktienquote nicht nur auf dem Papier steht.

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