Martin Kwaukas in 'formatiert': Dünne Eis wird fester - kann aber immer noch brechen

Zwei lange Jahre hat es gedauert. Jetzt werden endlich Konsequenzen aus der größten Finanzkrise der vergangenen 80 Jahre gezogen. Unter dem Titel Basel III müssen die Banken weltweit ihr Eigenkapital aufstocken.

Die Beträge, um die es geht, sind atemberaubend. Allein die Deutsche Bank will sich zusätzlich 9,8 Milliarden Euro von der Börse holen. Österreichs Geldinstitute benötigen laut ersten Schätzungen der Bank Austria mindestens 15 Milliarden Euro, es könnten aber letztlich inklusive des Aufbaus eines zusätzlichen Risikopuffers bis zu 33 Milliarden werden. Das ist eine wahrlich stolze Versicherungsprämie dafür, dass die Banken die nächste Finanzkrise ohne Staatshilfe überstehen. Und Österreichs Banken haben ein besonderes Handicap: Künftig wird viel strenger überprüft, was als Eigenkapital angerechnet wird. Bisher haben sich die Austrobanker mit allerlei Zwischenlösungen helfen können, die unter Bezeichnungen wie Hybridkapital liefen. Doch künftig verlangt Basel III tatsächlich eingezahltes Kapital von Aktionären, Eigentümern oder Rücklagen aus früher erzielten Gewinnen.

Die Mindest-Quote dieses harten Eigenkapitals soll von bisher zwei Prozent bis zum Jahr 2019 auf sieben Prozent mehr als verdreifacht werden. Das Kernproblem: Nur wenigen Banken steht der Weg über die Börse offen, und den übrigen Eigentümern fehlt oft der Wille zum Kapitaleinschuss oder schlicht das Geld. Es stellen sich deshalb drei Fragen: Wer zahlt letztlich diese enormen Summen? Werden die Banken künftig weniger Kredite vergeben, um so Eigenkapital einzusparen? Und reicht das viele Geld aus, damit die Herren des Geldes den nächsten Crash überstehen, ohne zum Finanzminister betteln zu gehen?

Höhere Spannen für die Banken

Schon die Antwort auf die erste Frage ist ernüchternd. Letztlich zahlen alle Bankkunden die Zeche. Die Banken werden die Zinsspanne zu ihren Gunsten ausweiten und auch die eine oder andere Gebühr erhöhen. So rechnen selbst die Notenbanken, die die Basel-III-Regeln aufstellen, dass ein Prozent mehr Eigenkapital die Kredite um 0,19 Prozent verteuert. Außerdem wird die eine oder andere Filiale geschlossen, sprich der Service reduziert. Obendrein wird mancher Banker-Job auf der Strecke bleiben. Letztlich werden die Banker versuchen, auch in Zukunft hohe Renditen zu erzielen. Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, strebt zum Beispiel weiterhin 25 Prozent Zinsen auf das Eigenkapital an, auch wenn es nicht mehr so einfach ist wie früher.

Solche Werte sind für viele österreichische Institute von der Regionalbank bis zur Bausparkasse außer Reichweite. Ihnen ist schon der Weg zur Börse verschlossen. Und ob sie es tatsächlich schaffen, ihre chronisch niedrigen Gewinne explosionsartig zu steigern, um ausreichend Eigenkapital zu bilden, darf bezweifelt werden. Die absehbare Konsequenz: Viele Institute wird es in zehn Jahren nicht mehr geben. Oft wird es gerade die Institute erwischen, die bisher mit kundenfreundlichen, günstigen Konditionen unterwegs waren.

Weniger Kredite

Je weniger Institute am Markt sind, umso schwieriger wird es für Unternehmen und Privatpersonen, überhaupt noch Finanzierungen zu bekommen. Die Situation wird noch dadurch verschärft, dass den Banken, die nicht die erforderlichen Eigenmittel aufbringen, als Notlösung bleibt, das Geschäftsvolumen entsprechend zu reduzieren. Schon jetzt beobachtet die Oesterreichische Nationalbank ein rückläufiges Kreditvolumen an die Wirtschaft. Dieses Phänomen wird durch eine entscheidende Schwäche der Basel-III-Regeln weiter verschärft: Es gibt Geschäfte, die viel weniger Eigenkapital benötigen als Kredite.

So können Banken zum Beispiel Staatsanleihen kaufen oder andere Schuldner mit Top-Bonitäten versorgen, für die gar kein Eigenkapital erforderlich ist. Solche Ausweichmanöver waren bereits die Hauptursache der Finanzkrise. Schon bisher sparte es knappes Eigenkapital, wenn man Kredite an irgendwelche undurchsichtigen Konstruktionen vergab, wenn diese nur mit einem guten Rating punkten konnten. Wenn durch Basel III das Eigenkapital noch rarer wird, ist die Verlockung für Umgehungsmaßnahmen noch größer. Ein Ausweg wäre, ein einheitliches Mindestkapital für sämtliche Geschäfte einer Bank zu verlangen – doch davon ist bei Basel III keine Rede.

Die nächste Krise droht

Das dünne Eis, auf dem die Banken in der Finanzkrise beinahe eingebrochen sind, wird durch die neuen Regeln dicker. So weit, so gut. Doch die Sollbruchstellen bleiben. Die Banken können sich weiterhin sehr viel Geld fast zum Nulltarif besorgen. Durch Basel III wird trotzdem die Weitervergabe via Kredit und damit das künftige Wirtschaftswachstum gedämpft. Clevere Banker werden weiterhin versuchen, die Lücken im Regelwerk aufzuspüren, und andere Wege finden, mit dem überschüssigen Kapital zu spekulieren. Die nächste Krise wird kommen – hoffentlich hält das Eis.

kwauka.martin@format.at

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