M. Kwauka in 'formatiert': Teuerung zehrt Staatsschulden auf

Die Politiker sind die Hauptgewinner der negativen Realzinsen. Und das mit voller Absicht.

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert, soll einst Wilhelm Busch gereimt haben. Zwar hat die Bonität der USA vorerst nur einen ersten Kratzer abbekommen, der Busch-Effekt machte sich aber auch dort schon bemerkbar.

Kurz nach der Herabstufung der AAA-Bonität durch die Ratingagentur Standard & Poor’s nahm die US-Regierung im August frische Schulden in Höhe von 72 Milliarden Dollar auf. Weil die Zinsen für US-Papiere durch den Börsencrash stark gefallen sind, ersparte sich der Finanzminister bei den neuen Anleihen insgesamt 647 Millionen Dollar Zinsen. Im Schnitt wurden die Anleger mit 2,13 Prozent Zinsen abgespeist – weit weniger als die Inflationsrate von 3,6 Prozent.

Doch man muss nicht unbedingt über den großen Teich blicken. Auch Finanzministerin Maria Fekter entschuldet sich auf Kosten ihrer Investoren. Für zehnjährige Bundesanleihen muss sie derzeit gerade einmal 2,6 Prozent Rendite bezahlen, für fünfjährige sogar nur 1,5 Prozent. Angesichts einer aktuellen Inflationsrate von 3,8 Prozent nach EU-Rechenmethode ist das ein echtes Schnäppchen – ganz abgesehen davon, dass der Fiskus ohnehin 25 Prozent der Zinsen als KESt einbehält. Kurz: Die Realzinsen sind negativ, der Staat entschuldet sich billig auf Kosten seiner Gläubiger.

8,8 Prozent negativer Realzins

Dieser Wahnsinn hat durchaus Methode und ist auch keine ganz neue Erfindung. Schon nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es den Vereinigten Staaten, die hohen Kriegsschulden durch eine Begrenzung der Zinsen für die Staatsschulden bei gleichzeitig hoher Inflation und heftig rotierenden Notenpressen quasi in Luft aufzulösen. Im Schnitt lagen die realen Renditen nach einer jüngsten Studie von US-Ökonomin Carmen Reinhart damals neun Jahre lang bei minus 3,5 Prozent. Im Jahr 1946 gelang sogar das Kunststück, den Anleihengläubigern 8,8 Prozent weniger Zinsen zu zahlen, als ihnen durch die Teuerung weggenommen wurde. Unter den Volkswirten läuft dieser Taschenspielertrick unter dem Begriff Financial Repression.

Nun sind die Anleihenkäufer ja auch nicht ganz blöd. Auf Dauer lässt sich die Inflationierung der Schulden nur durch sanften Zwang erreichen – deswegen ja auch der Begriff Repression. Den Finanzministern kommen vor diesem Hintergrund die neuen Abkommen zur Regulierung der Banken – Stichwort „Basel III“ – und das Pendant bei den Versicherungen – „Solvency II“ – gerade recht.

Diese beiden Regulierungswerke sollen ja offiziell nur für mehr Sicherheit auf den Kapitalmärkten sorgen und damit die Lehren aus den jüngsten Finanzkrisen ziehen. Doch in der Praxis laufen die internationalen Verträge auf eine groß angelegte Subventionierung der Staatsanleihen hinaus. So müssen die Assekuranzen ab 2013 laut Solvency II Staatsanleihen von EU-Staaten nicht mit teurem Eigenkapital unterlegen – und das unabhängig vom Bonitätsrating des Schuldners. Immobilien und Aktien werden dagegen fast prohibitiv belastet. Das ist nicht nur für die Versicherungsbranche selbst ein Problem, sondern auch für ihre Kunden.

Besitzer einer klassischen Lebensversicherung hatten schon bisher wenig Grund zur Freude. Die prognostizierte Verzinsung ihrer Altersvorsorge sank seit den Achtzigerjahren von 8 Prozent auf derzeit bis zu 3,25 Prozent – dabei sind die Kosten noch gar nicht berücksichtigt. Bisher konnten die Versicherten unterm Strich noch mit einem Erhalt der Kaufkraft plus einer kleinen Realverzinsung rechnen. In Zukunft ist nicht einmal das sicher. Ab heuer beträgt die amtliche Garantieverzinsung von Lebenspolizzen nur noch 2,25 Prozent. Wenn es so weitergeht, ist selbst dieser Wert in Gefahr.

Die breite Masse der Bevölkerung wird also gleich zweimal geschröpft: einerseits wegen der sinkenden Kaufkraft der Gehälter (siehe Covergeschichte ); andererseits wegen der schleichenden Entwertung der Vermögen. Das betrifft vor allem junge Menschen, die erst ihre Existenz aufbauen müssen.

Es gibt aus diesem Dilemma nur wenige Auswege. Ein an sich probates Mittel wäre der Kauf von Aktien. Die Unternehmen sind grosso modo sehr gut aufgestellt und könnten an sich prächtig verdienen. Nur was hilft die beste Unternehmensstrategie, wenn die Politiker alles tun, um Gegenwind zu erzeugen.

Dass die aktuelle Staatsschuldenkrise weltweit über 5.000 Milliarden Euro Börsenvermögen vernichtet, kümmert die Politiker offensichtlich kaum. Im Gegenteil. Sie profitieren davon, dass verängstigte Anleger ihre Aktien wegschmeißen und stattdessen Staatsanleihen mit Negativzinsen als vermeintlich sicheren Hafen kaufen. So gesehen ist die Schallmauer von 10 Milliarden Euro Zinsen für die ausufernden Staatsschulden, die Österreich in den nächsten Jahren durchbrechen wird, nur die halbe Wahrheit.

Es werden nicht nur die Steuerzahler zur Kasse gebeten, sondern – meist in Personalunion – alle Sparer und Anleger. Als Ausweg bleibt nur, sich dem Staat zu entziehen und zumindest bei der Veranlagung des Vermögens nur solche Instrumente zu wählen, die noch eine realistische Chance auf eine reale Erhöhung des Vermögens bieten.

- Martin Kwauka

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