M. Kwauka in 'formatiert': In der Mitte liegt die Kraft

Die Mittelschicht ist vom Abstieg bedroht. Während viele Reiche immer reicher werden, rutschen immer mehr Menschen in die Armut ab. Dieser alarmierende Befund stimmt nicht nur für die USA und Großbritannien, sondern auch für viele Industriestaaten, in denen die Einkommmensunterschiede bisher relativ gering waren.

In Österreich ist dieser Effekt sogar stärker ausgeprägt als in vielen anderen Industriestaaten (siehe aktuelle Serie ). Zwar sind die Einkommensunterschiede bei uns im internationalen Vergleich noch eher klein, aber die Schere öffnet sich in einem alarmierenden Tempo. Schließlich muss die breite Masse den Großteil der Belastungen aus den diversen Sparpaketen schultern. So ist der österreichische Eingangssteuersatz für niedrige Einkommen mit 36,5 Prozent weltrekordverdächtig hoch.

Viele junge Menschen wären schon froh, wenn sie überhaupt so viel verdienen würden, dass sich der Fiskus für sie interessiert. Sie gehören notgedrungen zur Generation Praktikum und müssen jahrelang um eine richtige Anstellung kämpfen. Andere sind ihrem Arbeitgeber längst zu teuer geworden, müssen mit einer Kündigung rechnen und können jenseits der 50 schon froh sein, wenn sie mit geringeren Bezügen weiterarbeiten dürfen. Die Zwischenphase, in der man ordentlich verdient, wird immer kürzer.

Neue Konsumenten aus Indien und China

Während also in den reichen Staaten wie Österreich der Anteil der Mittelschicht erodiert, zeigt sich im globalen Maßstab ein ganz anderes Bild. Weltweit nimmt der Anteil der „middle class“ immer mehr zu. Schon im Jahr 2006, so das überraschende Ergebnis einer Studie des indischen Ökonomen Surjit Bhalla, gehörte erstmals mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung zur Mittelschicht. Die Dynamik dieser Entwicklung ist atemberaubend: Um das Jahr 1950 gehörten erst 23,5 Prozent der Menschen zu dieser Gruppe, die so viel Geld hat, dass man sich mehr als das Nötigste leisten kann und in der Lage ist, genügend Mittel für die Ausbildung der Kinder aufzubringen.

Im Jahr 1990 hatte schon jeder dritte Mensch auf der Erde diesen Status erreicht, 2020 werden es schon 64 Prozent sein. Diese wachsende Mittelschicht wird auch immer mehr zur gesellschaftlichen Kraft und stellt wie in Ägypten den Anspruch auf demokratische Mitbestimmung oder fordert wie in Indien die Einschränkung der allgegenwärtigen Korruption. Mit einem Wort: Die Welt hat – allen notorischen Pessimisten zum Trotz – durchaus Chancen, ein immer besserer Platz zum Leben zu werden.

Kurz noch zum Maßstab. Bhalla rechnet eine vierköpfige Familie dann zur Mittelschicht, wenn sie über eine Kaufkraft zwischen 15.000 und 150.000 Euro im Jahr verfügt. Nun kann man mit Recht einwenden, dass eine Familie in Österreich mit 15.000 Euro kaum über die Runden kommt und vom Abstieg bedroht ist. Richtig ist aber auch, dass man mit diesem Geld in vielen Ländern der Welt schon subjektiv zu den Wohlhabenden zählen würde. An dieser Stelle eine Frage an all diejenigen, denen diese Zahlen generell als viel zu hoch erscheinen: Wie groß ist die Zahl der Handys auf der Welt? Die Antwort: Schon 2010 gab es mehr als fünf Milliarden. Im kommenden Jahr werden über sechs Milliarden erwartet. Selbst in Afrika telefoniert schon jeder Zweite mobil.

So beachtlich diese Entwicklung in einer globalen Perspektive erscheint, so wenig hilft sie demjenigen, der in Österreich vom sozialen Abstieg bedroht ist. Im Gegenteil: Ein Teil des Problems ist gerade das beschriebene weltweite Phänomen. Weil zahlreiche anspruchsvolle Arbeitsplätze nach Asien abwandern, liegt die Latte in Österreich immer höher. Die einzige Möglichkeit, gegenüber der aufstrebenden Mittelschicht in den Schwellenländern nicht ins Hintertreffen zu geraten, ist eine gute Ausbildung.

Doch gerade in diesem Bereich geschieht in Österreich viel zu wenig. Oft genug fehlt es bei Job-Kandidaten sogar am Allernötigsten. So gaben in einer aktuellen Studie im Auftrag der Wirtschaftskammer über 1.000 befragte Arbeitgeber an, dass 36 Prozent der Bewerber nicht richtig lesen oder rechnen können. Die miserablen Ergebnisse im PISA-Test weisen in die gleiche Richtung. Solange hier nicht das Ruder herumgeworfen wird, wird der Abstieg der Mittelschicht weitergehen – zumindest in unserem Land.

- Martin Kwauka

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