Liselotte Palme: „Funny numbers“ und die
gar nicht lustigen Veränderungen in der Welt

Alle griechischen Tragödien, die wir kennen, enden naturgemäß böse. Die, welche sich – siehe drohender Staatsbankrott – jetzt gerade entfaltet, dürfte diesbezüglich die einzige Ausnahme werden. Zwar hängt sie mit Dauerbetrug zusammen. Zahlen aus Athen laufen in Brüssel seit jeher unter dem Titel „funny numbers“. Und es scheint auch zu stimmen, dass sich die Griechen ihren Beitritt zum Euro schlicht und einfach ertrickst haben.

Aber: Bevor der griechische Staat finanziell zusammenkracht, werden ihm die Euro-Partner im gerade begonnenen Jahr sicher unter die Arme greifen. Gemäß Euro-Regeln dürfen sie das zwar gar nicht tun, aber was sind schon Euro- Regeln in Zeiten wie diesen?

Griechenlands Ministerpräsident ist Giorgos A. Papandreou. Er will in den nächsten Wochen in Brüssel ein Sanierungsprogramm vorlegen. Unter seinem Vater Andreas Papandreou stieg die nationale Verschuldung in den 80er-Jahren von zirka 30 Prozent auf rund 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Indem er jetzt saniert, sollte der Sohn also quasi alte Familienschulden zurückzahlen. Angesichts des griechischen Beispiels könnte man also meinen, in Zukunft liefe alles wie bisher. Das ist ein Irrtum. Diesen Jahreswechsel 2009/10 muss man in mehrfacher Hinsicht als eine echte Zäsur sehen.

Europas Stern ist im Sinken, Chinas Stern im Steigen. So weit, so bekannt. Jetzt wird das erstmals konkret. Da gab es das Phänomen „Kopenhagen“. Auf der UN-Klimakonferenz im Dezember hat sich mit einem Mal deutlich gezeigt, wie sich das machtpolitische Gravitationszentrum der Welt von der transatlantischen in die transpazifische Sphäre zu verlagern beginnt. Wenn Chinas Staatschef diese Konferenz schlichtweg platzen ließ (viele nennen es beschwichtigend: „beinahe“ platzen ließ), und das, obwohl es nahezu der gesamte Westen anders wollte, so bedeutet das schon etwas. Praktisch alle westlichen Beobachter erwarteten bis zuletzt die übliche Konferenzdramaturgie: Zuspitzung des Geschehens bis ganz gegen Schluss. Dann Paukenschlag, Ankunft der Staatschefs. Die zerschlagen auf wundersame Weise den gordischen Knoten in der letzten Nacht, worauf ein zukunftsweisendes Protokoll unterzeichnet wird und sich alles in Wohlgefallen auflöst. Diesmal wieder? Denkste.

Eine zweite quasitektonische Verschiebung wird in diesem Jahr ebenfalls deutlich: Sie betrifft die Gesetzmäßigkeiten, die man bisher den Korrekturmechanismen auf den Devisenmärkten unterstellt hat. Also: Die Währung eines Landes gerät zum Beispiel unter Abwertungsdruck, wenn das Land entweder heftig auf Pump lebt (Außenwirtschafts- und/oder Budgetdefizit, Staatsschulden), weil es eine heftige Inflation durchlebt, oder in einer schlimmeren Rezession steckt als seine Handelspartner. Lehrbuchgemäß kommt es in einer solchen Situation zu einer Änderung der Zinsen und dann zur Korrektur am Devisenmarkt. Kurzfristig sind es natürlich nicht die zugrundeliegenden „fundamentals“, die den Wechselkurs einer Währung bestimmen, sondern schlichte Herdenphänomene der Börsenpsychologie. So weit, so bekannt. Aber langfristig, so lautet die vorherrschende Auffassung der Experten, reagieren die Währungen gemäß den „fundamentals“ – heutzutage ebenso wie eh und je.

Aber: In der Realität der Devisenmärkte gilt das nicht mehr. Der Dollar wird gegenüber dem Rest der Welt langfristig schwächer, wenn die Amerikaner chronisch über ihre Verhältnisse leben, während vor allem China oder Deutschland auf Teufel komm raus exportieren? Vielleicht trifft das zu, was Deutschland beziehungsweise den Kurs des Euro betrifft. Für China nicht. China ist imstande, seinen Wechselkurs auch gleichermaßen niedrig zu halten wie den Dollar. Auch langfristig.

Und auch langfristig unterliegen die wichtigen transpazifischen Devisenmärkte heutzutage keineswegs quasinaturgesetzlichen Marktgesetzen, sondern eindeutig politökonomischen Entscheidungen. Wenn das Zweigestirn China und USA die Weltwirtschaft demnächst bestimmt, dann bedeutet dieses Faktum aber nicht irgendeine wenig bedeutende Ausnahme im System, sondern dessen regulativen Kern. Dass in einer solchen Welt auch kleine und kleinste Länder, sofern sie über die finanziellen Voraussetzungen verfügen, in ihrer Währungspolitik das nützen können, was man die „Freiheit der Bedeutungslosigkeit“ nennt, versteht sich von selbst.

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