Liselotte Palme: Die Krise ist vorbei, der
Aufschwung kommt! Oder doch nicht?

Sie werden es in den Medien gehört und gelesen haben: Die Krise ist vorbei. Hurra. Es geht wieder aufwärts, stimmungsmäßig und auftragsmäßig. Gesunde Firmen können wieder den Kapitalmarkt anzapfen, Risikoprämien sinken, Amerikaner wie Deutsche erholen sich, und China boomt sowieso. „Nur“ mehr eine Viertelmillion Leute haben in den USA im Juli ihren Job verloren, ist das nicht großartig?

Der Chefökonom der deutschsprachigen „Financial Times“, Thomas Fricke, stimmte vergangenes Wochenende in die Jubelschreie ein, die momentan vor allem aus dem Mund der Börsianer und Finanzleute kommen. Fricke: „Es sieht aus wie ein V!“ Gemeint ist die Form des prognostizierten Wachstumsverlaufs, wie er sich – nach Meinung des Autors – jetzt abzeichnet: „V“-Form bedeutet, dass nach dem Absturz sofort eine steile und haltbare Erholung folgt. Genauso viel Schwung nach oben wie vorher nach unten gewissermaßen. („L“ würde demgegenüber einen steilen Absturz bedeuten, auf den eine lange Zitterpartie auf niedrigem Niveau folgt. „U“ würde heißen, dass nach dem Absturz eine Phase des Zitterns folgt, die in einen echten Aufschwung mündet, und „W“ steht für eine kurzfristige Erholung nach dem Absturz, – und zwar eine Art der Erholung, die sich bald als vorübergehend erweist.)

Finanzsektor profitiert
Am besten läuft es momentan im Finanzsektor. Nicht umsonst haben etliche Investmentbanken zuletzt tolle Gewinne gemacht. Nehmen Sie zum Beispiel die berühmten Leveraged Loans: Dabei handelt es sich um Kredite, welche hauptsächlich dafür verwendet wurden, die vielen, vielen Firmenkäufe der Boomjahre zu finanzieren. Bekanntlich wurden sie meistens verbrieft, und diese Papiere haben dann während der schlimmen Monate viel an Wert verloren. Für die Banken hieß das Abschreibungen. Jetzt, hurra, ziehen Leveraged Loans im Preis wieder kräftig an, was beim Vergeben und Platzieren neuer Kredite sicher helfen wird. Es lebe die Rückkehr zur flotten Geldwirtschaft!

Im erwähnten „V“-Kommentar von Thomas Fricke weist der Autor auf die jüngste superoptimistische Prognose der UniCredit- Gruppe hin, zu der in Österreich die Bank Austria zählt. Weil Österreich konjunkturell sehr an Deutschland hängt und sich der UniCredit-Optimismus vornehmlich auf Deutschland bezieht, dürfte das auch hier nicht uninteressant sein. Fricke: „Die Ökonomen der UniCredit revidierten … ihre Deutschlandprognosen rabiat nach oben. Auf ein Jahr gerechnet, dürfte die Wirtschaft danach schon diesen Sommer um vier Prozent expandieren. Holger Schmieding (ein Mitglied des UniCredit- Prognoseteams, Red.) hält für 2010 selbst Gesamtjahresraten von mehr als zwei Prozent nun für möglich.“

Da gibt sich Monika Rosen, Chefanalystin der Bank Austria, schon vorsichtiger. Allerdings stützt auch sie sich auf eine neue Ausarbeitung ihrer Gruppe, deren Headline lautet: „Die globale Rezession ist ausgelaufen.“ (Interessant ist übrigens auch, dass darin von einem weiterhin steigenden Euro-Dollar-Kurs – auf über 1,5 Dollar pro Euro im nächsten Jahr – und einem konstant hoch bleibenden Ölpreisniveau ausgegangen wird.)

Sommerliche Schimäre
Wie auch immer. Eines aber muss gesagt werden: Bei dem gegenwärtigen Aufschwungsjubel (ein Jubel, der momentan die Skeptiker ziemlich alt aussehen lässt) handelt es sich wohl um wenig mehr als um eine – vornehmlich mediale – schöne sommerliche Schimäre. Klar, gute Laune ist wichtig, Wirtschaft ist auch Psychologie und so weiter, Stimmungen und Erwartungen sagen viel aus, und in der Tat gibt es so etwas wie „animal spirit“. Aber auch wenn gute Laune an den Börsen selbstverstärkend wirkt, sind die doch bloß Teil des Ganzen. Und letztlich wird halt immer noch mit Wasser gekocht.

Haben nicht alle ernst zu nehmenden Fachleute erklärt, dass es langfristig kein richtiges Wachstum geben könne, solange die globalen Ungleichgewichte so groß blieben? Solange Amerika konsumiert und Defizite baut, während China, Deutschland und Japan wie verrückt sparen und Überschüsse anhäufen? Diese Erklärung war plausibel. Es dauert Jahre, bis sich derartige Ungleichgewichte ausbalancieren. Ganze Volkswirtschaften müssen sich umbauen, ihre inneren Funktionsweisen grundlegend verändern. Wenn also das Argument stimmt (und nichts spricht dagegen), dann ist das nun mal keine Sache von ein paar Monaten.

Allein schon aus diesem Grund spricht viel für eine andere Prognoseform als das „V“. Dazu kommt, dass es derzeit absolut keine/n Experte/in gibt (bei aller neu aufgeflammter Skepsis gegen Experten!), der/die behaupten würde, die Volkswirtschaften schöpften in den kommenden Jahren ihr gesamtes Wachstumspotenzial aus. (Auf Fachchinesisch: Für alle Länder wird – von allen – ein beträchtlicher „Output-Gap“ vorhergesagt.) Auch das spricht gegen einen raschen kräftig-dauerhaften Aufschwung.

Wenn Sie also hören und lesen, dass der Aufschwung ums Eck sei – halten Sie inne. Wirtschaft hat zwar mit Hypes zu tun, aber besser ist es, wenn man differenziert denken kann.


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