Liebe FIFA: Fußball ist Euer Geschäft - und nicht viel mehr

Liebe FIFA: Fußball ist Euer Geschäft - und nicht viel mehr

Der Weltfußballverband wirft gerne mit schwammigen Slogans um sich, wie der Fußball die Gesellschaft ändern kann. Wie Brasilien zeigt, ist das nicht mehr als Marketing.

Der Fußball kann Völker verbinden. Der Fußball kann Ländern helfen. Der Fußball kann das Gute im Menschen erwecken. Der Fußball ist friedlich. Das sind Fabeln, die von jenen Konzernen, Verbänden und Medien, die im Fußballgeschäft tätig sind, gerne unters Volk gebracht werden. Veranstaltungen wie Fußball-Weltmeisterschaften oder die Champions League in Europa haben ihren Reiz auch durch diesen Mythos vom verbindenden Sport, der Jung und Alt, Reich und Arm, Erste und Dritte Welt versöhnen soll und kann.

Die anhaltenden Proteste in Brasilien rund um den Confed-Cup und die steigende Ratlosigkeit des Weltfußballverbands FIFA angesichts dieser Vorgänge zeigen aber, dass es sich tatsächlich nur um Fabeln handelt, ja eigentlich nur um Marketingschmähs. Die FIFA, die Vermarktungsorganisation des weltweiten Profifußballs mit lukrativen Verträgen quer durch alle Branchen, hat stets eine denkbar einfache Strategie, wenn es um politische Querverbindungen zwischen Politik und Sport geht: Politik nein, außer es passt ins Marketingkonzept. Schon die Weltmeisterschaft 1978 im Argentinien der Militärdiktatur machte klar, dass die FIFA vor allem an einem reibungslosen Ablauf eines Turniers interessiert ist. Mehr als 30 Jahre später versuchte sich die FIFA indes selbst als Heilsbringer: Die WM in Südafrika sollte das wirtschaftliche Potenzial dieses Landes, ja des ganzen Kontinents hervorheben. Gehoben hat es nur die Umsätze eng umgrenzter Bereiche : Jene der involvierten Baufirmen und sonstiger Profiteure, jene der Sponsoren und natürlich jene der FIFA. Die Kritik an der WM verstummt bis heute nicht, geht aber unter. Südafrika zeigte aber, dass den FIFA-Verantwortlichen ein guter Slogan stets mehr wert ist als eine gute Sache. In einem offiziellen Statement hieß es etwa: „Wir wollen sicher gehen, dass Historiker eines Tages von dem Moment der Wende sprechen, an dem Afrika sich brüstete, um mit den Jahrzehnten von Armut und Konflikten abzurechnen, wenn Sie über die FIFA WM 2010 berichten.“ Nicht mal hauptberufliche Fußballfunktionäre, die ganzjährig auf der Jagd nach Gönnern von einem Kongress zum anderen pendeln, können so etwas glauben.

Auch zur WM 2014 haben die findigen FIFA-Vermarkter schon die richtigen Worte parat: “Die FIFA und das Lokale Organisationskomitee für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014 werden den Einsatz des Fussballs als Mittel zum Erreichen gesellschaftlicher Veränderungen auch im Umfeld der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014 im Rahmen der Initiative Football for Hope fördern.“ Ja, ganz sicher, denken sich derzeit viele Brasilianer: Der Fußball, so die Fabel, die ihnen aufgetischt wird, soll ihr Land besser machen. Fernsehübertragungen aus schönen, großen, gut besuchten Stadien werden der ganzen Welt zeigen, was das Land leisten kann. Der obligatorische Rundflug über den Zuckerhut als dramatischer TV-Einstieg vor den Spielen wird den Tourismus ankurbeln, lustige Maskottchen (sicher irgendwas mit Karneval!) werden die Investoren nach Brasilien treiben. So einfach stellt sich das die FIFA vor.

Und in Wirklichkeit? Da wollen die meisten Brasilianer gar keine schönen Stadien, sondern leistbare Wohnungen und Fahrkarten, bessere Schulen, einfach ein besseres Leben. Aber leider: Das ist im Marketingkonzept der FIFA nicht vorgesehen, aber wie wäre es mit einem gratis Cola, einem gratis Cheeseburger und einen Gewinnspiel für ein Mittelklasseauto? Nein, nicht erwünscht? Undankbares Pack – da bringt man die Welt nach Brasilien und Brasilien nutzt das gleich schamlos aus.

Prinzipiell ist nichts dagegen zu sagen und nichts dagegen zu machen, dass die FIFA die Stadien als Orte des Geschehens unter Kontrolle halten will: Werbung nur von zahlenden Partnern, Fröhlichkeit auf Knopfdruck, keine politischen Statements. Das ist halt so in der Unterhaltungsindustrie, im Disneyland oder beim Madonna-Konzert werden ja auch nur selten ernste Themen angesprochen. Doch weshalb tut dann die FIFA stets so, als wären ihre Veranstaltungen oder ihre Lebensaufgabe etwas Anderes als das nackte Geschäft? Den ganzen Schmafu von der Kraft des Fußballs in politisch-gesellschaftlicher Hinsicht sollen sich die Zahlenjonglierer aus Zürich einfach schenken. Der Fußball hat diese Kraft - aber nicht in Händen der FIFA, die soll sich einfach um ihr Geschäft kümmern.

Was das für eine WM in Brasilien bedeutet? Nichts Gutes. Die FIFA will und wird die WM durchziehen und die brasilianische Regierung wird ihr Mögliches tun, das Turnier nächstes Jahr durchzudrücken. Die Hoffnung, dass wegen des Turniers echte Reformen durchgeführt werden, ist gering.

Der Fußball ist nämlich vieles, doch für die FIFA nur ein Geschäft. Ihr Geschäft.

Robert Prazak

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