Letztlich muss es wohl beim Ziel des Wirtschaftens um Lebensqualität gehen

Der Wohlstand moderner Industriegesellschaften ist vor allem über das Wirtschaftswachstum definiert. Zudem war es bisher üblich, wirtschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit, Sicherung des Pensionssystems und Staatsverschuldung vorwiegend mithilfe hoher Wachstumsraten zu lösen, gewissermaßen Wachstum als Universalheilmittel für alle wirtschaftlichen Übel anzupreisen.

In regelmäßigen Abständen werden daher die jeweils neuesten Abschätzungen des Wirtschaftswachstums wie medizinische Befunde analysiert, diskutiert und für die jeweils eigenen Zwecke interpretiert. Außerdem dienen positive Wachstumszahlen gerne als Ausrede, notwendige Strukturreformen auf die lange Bank zu schieben. Das lässt sich so aber künftig nicht mehr fortsetzen. Denn seit fünfzig Jahren nehmen die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) kontinuierlich ab. In Österreich zum Beispiel von einem durchschnittlichen Wert von sechs Prozent jährlich in den Sechzigerjahren auf unter zwei Prozent im Jahr 2010. Dennoch haben wir daraus bis heute keine entsprechenden Schlussfolgerungen gezogen.

Wir müssen neue Wege gehen, um unseren Wohlstand zu erhalten, und noch mehr müssen wir uns fragen, ob die Art des Wohlstands, die wir bisher forciert haben, uns tatsächlich die damit erwartete Lebensqualität bringt. Denn letztlich muss es wohl beim Ziel des Wirtschaftens um Lebensqualität gehen. Müssen wir aber dann nicht auch andere oder zumindest zusätzliche Parameter entwickeln, um das Wachstum an Lebensqualität auch messen zu können?

Einen ebensolchen Paradigmenwechsel wird der Klimawandel provozieren

Experten sagen uns, wir haben wenig Wahl. Entweder wir limitieren die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius, oder wir nehmen riesige Verwerfungen mit Millionen von Klimaflüchtlingen und dem Verschwinden vieler Pflanzen- und Tierarten in Kauf. Das Zwei-Grad-Ziel bedeutet jedoch in den Industriestaaten, die Treibhausgasemissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts um achtzig Prozent zu reduzieren, und das wiederum kommt einer dritten industriellen Revolution gleich.

Für Österreich heißt das: Statt wie bisher rund 14 Tonnen CO2 pro Kopf zu emittieren, dürfen es in Zukunft nur noch rund zwei Tonnen sein. Wir müssen daher schleunigst nachhaltig wirtschaften, lange bevor uns das Öl und andere natürliche Ressourcen ausgehen.

Der Wandel zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise auf Basis einer Ökosozialen Marktwirtschaft mit wenig BIP-Wachstum, dafür aber mehr qualitativem Wachstum, wird gerne mit dem Ende des Wohlstands gleichgesetzt. Dabei kann qualitatives Wachstum, das nicht allein auf den Zuwachs des BIP baut, sondern die Lebensqualität der Menschen in den Mittelpunkt rückt, die Lebensbedingungen für alle spürbar verbessern. Man muss einsehen, dass das Ersetzen der „Immer noch mehr“-Ideologie durch ein Streben nach dem „Besser“ am Ende ein Gewinn ist. Dazu ist es aber notwendig, ein neues Gleichgewicht zwischen der ökonomischen, ökologischen, sozialen und der kulturellen Dimension des Wirtschaftens zu schaffen. Hier ist die EU den Nationalstaaten bereits einen Schritt voraus. Unter dem Titel „Beyond GDP“ arbeitet sie schon an neuen Kennzahlen, um Lebensqualität zu messen.

Was heißt mehr Lebensqualität statt mehr Wohlstand in der Praxis, und welche politischen Rahmenbedingungen müssen dafür geschaffen werden?

Es geht nicht darum, uns künftig in Sack und Asche zu hüllen und auf alles zu verzichten, was wir gerne besitzen. Vielmehr sollten wir uns bewusst machen, was Lebensqualität ausmacht. Sollten wir uns beispielsweise nicht mehr Zeit leisten für die schönen Dinge des Lebens? Oder können wir unser Mobilitätsbedürfnis nicht umweltschonender organisieren? Ist Freunde haben nicht wichtiger als der Zweiturlaub? Ist Slow Food genießen nicht wertvoller und noch dazu gesünder als Junkfood zu mampfen? Diese Reihe ließe sich noch lange fortsetzen …

Auf diese Weise wäre es ohne Probleme möglich, dass die Wirtschaft jedes Jahr um fünf Prozent ressourceneffizienter produziert, die Rohstoffkreisläufe optimiert und fossile Energieträger Schritt für Schritt durch erneuerbare Energie ersetzt. Als Konsumenten nehmen wir unsere Verantwortung wahr und verringern unseren schweren CO2-Rucksack durch neue Techniken, aber auch durch bewussteres Verhalten. Neue innovative und menschennahe Arbeitszeitmodelle schaffen zusätzliche Arbeitsplätze für die Jungen, halten die Älteren länger im Arbeitsprozess und bewirken eine gerechtere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Und wir sind weiterhin voll mobil – aber weniger automobil.

All das wird aber nur möglich sein, wenn wir Bildung, Weiterbildung sowie Forschung und Entwicklung besonders fördern und dafür bessere politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen schaffen. Viele Menschen spüren bereits, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung wünschen sich neunzig Prozent der ÖsterreicherInnen eine nachhaltige Wirtschaftsordnung, die eine Balance zwischen Wirtschaft, Umwelt und sozialer Gerechtigkeit schafft.

Franz Fischler
Präsident des Ökosozialen Forums & ehemaliger EU-Landwirtschaftskommissar

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