Leben heißt auswählen

Leben heißt auswählen

Lebenssinn besteht darin, einen wesentlichen Teil unserer Energie auf höhere Ziele auszurichten. Nur so kommen wir dem näher, was Selbstverwirklichung genannt wird.

Sie litten alle unter der Angst, keine Zeit für alles zu haben, und wussten nicht, dass Zeit haben nichts anderes heißt, als keine Zeit für alles zu haben“, schreibt Robert Musil in seinem viel zitierten und selten gelesenen Mammutwerk "Der Mann ohne Eigenschaften“.

Eine seiner wesentlichsten Erkenntnisse lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Leben heißt auswählen. Es zeigt sich aber, dass der Zuwachs an Wahlmöglichkeiten und Wohlstand ab einem bestimmten Ausmaß nicht zu mehr, sondern zu geringerem individuellen Wohlbefinden führt. Viele Studien beweisen, dass exzessive Angebotsvielfalt und zu hohe Erwartungen von allen Seiten zu Stress führen. Damit verbunden ist die wachsende Angst, sich für den falschen Weg zu entscheiden. Hier drei Denkanstöße zu diesem Thema:

Erstens: Unser Zeitdruck entsteht nicht durch den Mangel an Zeit, sondern weil wir nicht bereit sind, auf etwas zu verzichten. Und so wird aus der Summe jedes einzelnen gestressten Tages in der letzten Stunde ein gehetztes Leben, in dem wir zwar immer beschäftigt waren, aber nie Zeit hatten. Wir sollten daher möglichst viele Schutzwälle in unserem Leben gegen die Ablenkung durch das Unwichtige und das Nebensächliche errichten.

Es kann uns weiterbringen, wenn wir

• Einen Tag in der Woche völlig auf Nachrichten und Fernsehen verzichten.

• Einen Monat ohne Shoppen aushalten.

• Einen Monat ohne Alkohol auskommen.

Einmal im Jahr nur mit einem Bleistift und einem Notizbuch bewaffnet, allein an einen Ort fahren, an dem wir uns wohlfühlen, um über das Leben nachzudenken, das wir führen wollen.

Zweitens: Regelmäßige Arbeit an uns selbst macht Freude. Die Kunst des Lebens besteht in der Verbindung von zwei Welten. Der Welt, in der wir leben, mit jener, nach der wir uns sehnen. Wenn wir einmal bestimmte Werte in unserem Leben herausgefunden haben, die uns Orientierung geben, werden wir die vielen Entscheidungen, die wir treffen müssen, nicht als Qual der Wahl sondern als Freude der Selbstbestimmung empfinden.

Das Leben ist weder ein Unterhaltungsprogramm noch ein Zufallsgenerator, dem wir willkürlich ausgeliefert sind, sondern eine Kunst. Wie in jeder Kunst kann man darin Meisterschaft erlangen. Wer sich einmal auf das Abenteuer der Selbsterkenntnis eingelassen hat, für den kann jeder Tag spannend werden, weil er etwas ausprobieren, dazulernen und sich weiterentwickeln kann.

Jede Lebensphase bietet neue Möglichkeiten, um tief in den Strom von Erfahrungen einzutauchen. Je tiefer wir eintauchen, desto reicher wird unser Leben.

Doch wie kommen wir zu einem stabilen Wertegerüst, das nicht beim ersten Windhauch einer Krise in sich zusammenbricht? Vorbild dafür kann das Examen der Jesuiten sein. Diese täglichen Reflexionen dauern jeweils 15 Minuten und finden mittags und abends statt. Die beobachtete Einheit ist also nicht der ganze, sondern jeweils der halbe Tag. Als hilfreich für diese Tagesauswertung haben sich folgende Fragen erwiesen: Was ist gut gelaufen? Was ging daneben? Wofür bin ich dankbar? Was tut mir leid?

Drittens: Wir sind, was wir beachten. Lust und Vergnügen sind wichtige Bestandteile unseres Lebens. Lachen ist die beste Medizin. Wie trostlos wäre es, wenn wir uns nur mit schwergeistigen Dingen auseinandersetzen würden. Lust und Vergnügen sollen nur nicht zum Hauptzweck unseres Daseins werden.

Ganz einfach deshalb, weil die Freude daran ab einer bestimmten Grenze ab- und nicht zunimmt. Lebenskunst heißt auch immer, die richtige Balance zu finden. Wer seine Persönlichkeit verändern will, muss lernen, seine Aufmerksamkeit auf jene Dinge zu richten, mit denen er sich in Zukunft mehr befassen will.

Lebenssinn entsteht dann, einen wesentlichen Teil unserer Lebensenergie auf höhere Ziele ausrichten. Damit kommen wir dem näher, was Abraham Maslow Selbstverwirklichung genannt hat. Dieser Weg hat kein Ende, daher nimmt auch die Freude daran kein Ende.

So werden wir auch jene 20 bis 30 Jahre, die nach unserem Berufsleben vor uns liegen, besonders genießen können, weil wir noch mehr Zeit mit jenen Aktivitäten verbringen dürfen, die unser Leben mit Sinn erfüllen. Zwei Qualitäten sind dafür erforderlich: Neugier und Disziplin. Neugier eröffnet uns den Weg zur Selbsterkenntnis, Disziplin hilft uns voranzuschreiten, indem wir das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen wissen. Als Lohn für die Anstrengung wartet etwas auf uns, das wir vielleicht überhaupt erst wiederentdecken müssen: die Schönheit des Lebens.

- Andreas Salcher ist Bildungsexperte, Bestsellerautor und Unternehmensberater.

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