Kolumne von Helmut A. Gansterer: Der Jam-Faktor

Kolumne von Helmut A. Gansterer: Der Jam-Faktor

Ist Wien die Welthauptstadt des Jammerns? Auch in Paris, Rom oder Barcelona wird gesudert. Angeblich ist es medizinisch sinnvoll, den Ärger rauszulassen, doch für Manager und Unternehmer sollte es tabu sein.

"Wenn Sie das Leben kennen, geben Sie mir doch bitte seine Anschrift.“ (Jules Renard, 1864-1910)

Diesen Satz fand ich in einem meiner liebsten Ausflugsorte, in Weimar, Sachsen. Er steht dort in riesigen Lettern an einer dieser fensterlosen Häuser-Stirnseiten, die nach Abbruch des Nebenhauses übrig bleiben. In Weimar rafft man sich wenigstens zu einem frischen Verputz auf - und den originellen Schmuck eines literarischen Spruchs.

Aber warum ausgerechnet den Satz eines Franzosen? Und warum einen missmutigen? So, als wäre Weimar nie von halbwegs ambitionierten, deutschsprachigen Schriftstellern wie Goethe, Schiller und Jean Paul und Nietzsche berührt gewesen. Und wenn es schon ein Jammerspruch sein musste, hätte man den Famulus aus Goethe’s "Faust I“ zitieren können, und praktisch alles von Schiller, der überall Unfreiheit witterte.

Wenn man partout einen Ausländer wollte, warum nicht Tschechow? Im Russischen Hof, den ich zuweilen bewohne, weil er schon Chopin und Liszt beherbergte (man hofft, es färbe was ab), schrieb der Dichter und Dramatiker Anton Pawlowitsch Tschechow ins Gästebuch: "Wenn ich in meinem Bett hätte frieren wollen, hätte ich gleich in Russland bleiben können.“

Obwohl ich dem Hellen zugetan bin, missfiel mir der düstere Satz von Jules Renard nicht wirklich. Er erinnerte in seinem weinerlichen Tonfall an Wien und tröstete über ein Heimweh hinweg, das spätestens nach zwei Wochen in der Fremde einsetzt.

Wien gilt als Welthauptstadt des Jammerns. Aber stimmt das wirklich?

Ich habe Zweifel. Café-Gespräche in Rom, Diskussionen auf den Ramblas von Barcelona oder Brasserie-Gespräche in Paris belehrten mich eines besseren. Man kritisiert und jammert wie bei uns daheim. Selbst in Aix-en-Provence, wo viel Sonne scheint, ein Cézanne-Museum lacht, die Lavendel-Felder duften und die Grillen wie nirgends sonst ihr Nachtlied geigen, sind die Grantscherben so zahlreich wie daheim in Österreich.

Mag aber sein, dass das Schattige hierorts inniger gepflegt wird, auch literarisch. Vielleicht konnte nur hier Friedrich Torberg’s "Die Tante Jolesch“ zum Vermächtnis werden. Wo sonst finden sich Torberg-Kaffeehaus-Ober, die zu alten Damen, die eine kleine Änderung des Mittagsmenüs wünschen, sagen: "Wollen gnädige Frau vielleicht statt der Nachspeise eine halbe Stunde Billard spielen?“

Ein Schlüsselsatz des Grantigen ist Alfred Polgar zu danken. Er wurde von Karl Farkas, einem Urgestein des Kabaretts "Simpl“, ohne Quellenangabe und leicht verändert wie folgt gestohlen: "Das Leben ist ein Elend. Am besten, man wäre gar nicht zur Welt gekommen. Aber wer hat schon dieses Glück? Kaum einer unter Tausend.“

Apropos Stehlen: Den Titel "Der Jam-Faktor“ stahl ich vom Kabarettisten Bernhard Baumgartner. Ich zahle die Tantiemen in Form einer Empfehlung. Bernhard war einst als Co-Moderator und Gag-Schreiber der beliebte "Alois“ der ORF-Sendung "Mahlzeit“, später ein glänzendes Humor-Gleitmittel für Wirtschaftevents. Heute tritt er zu diesem Zweck mit seinem "Business-Kabarett“ wieder unter Original-Namen auf . Highly recommended.

Jammern ist für Manager und Unternehmer verboten

Der Jam-Faktor ist eine Art Richter-Skala für Jammerei, von Null bis Zehn. Er ist in Wien hoch (100 von 10 möglichen Punkten), sehr niedrig in Vorarlberg und Oberösterreich. Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl (ein Linzer) beispielsweise hält Business-Events ohne Humor und Zuversicht für verlorenes Investment. Ich hätte ihn mit seinem kreativen Frischwärts-Talent gern auch als Österreichs Bundeskanzler gesehen.

Im großen Ganzen gilt: Jammern unter Jammerern ist in Ordnung. Es mag sogar medizinisch sinnvoll sein, allen Ärger raus zu lassen und einander schluchzend in die Arme zu fallen. Für Manager und Unternehmer ist es verboten.

Es gibt vier Faktoren, die einen Menschen unserer geografischen Lage als geistes-arm verdächtig machen: extrem lautes Sprechen, extreme Gestik, keinerlei Selbstironie und totaler Negativismus.

Führungskräfte müssen sich notfalls zwingen, neben den negativen Geschäftsfaktoren (die man nicht verschweigen darf) vor allem die positiven zu nennen. Zuversicht an der Spitze generiert Zuversicht der Mitarbeiter, Unsicherheit bewirkt Unruhe und schnell den größten Schaden.

Führungskräfte sind außerhalb ihres Hauses nie privat. Sie werden mit ihrem Unternehmen in Verbindung gebracht. So steht es ihnen nicht frei, auf die Frage "Wie geht es Ihnen?“ die dümmste Antwort zu geben, die ich gestern hörte: "Es geht mir wie die anderen wollen.“ Das ist auch im Scherz nicht lustig. Zumal immer ein Rest von Verdacht bleibt, dies könnte wahr sein.

Die Erfolgreichen der Wirtschaft, so weit wir dies durch wissenschaftliche Studien, Biographien, Briefwechsel und Autobiografien kennen, waren niemals Jammerer - nur oft aggressiv, was nicht das gleiche ist.

Sie fühlten sich nie von einem Schicksal geknechtet, aber von vielen leistungsfeindlichen Menschen gebremst. Sie bewahrten einen gesunden Sinn für Selbstkritik. Zum Beispiel dafür, dass sie nie alles wussten und bis zuletzt Lernende blieben. Manchmal bewahrten sie gar einen Sinn für Humor.

Zum Beispiel Conrad Hilton, Gründer der prominentesten Hotelgruppe. Er wusste Bescheid über seinen lächerlichen Geiz. Und seinen Schmerz, als ihm Werbe-Guru David Ogilvy 100 Dollar abnahm. Hilton setzte in Print-Anzeigen voll auf Bilder, Ogilvy wesentlich auf Text, neben einem einzigen großen Foto. Ogilvy gewann, als er Hilton die Überschrift einer reinen Text-Kampagne nannte: "Alles über Conrad Hilton.“

Mr. Hilton’s Selbstironie hielt bis zuletzt. "Sie wissen alles über Hotels“, sagte eine späte Interviewerin, "was ist Ihre wesentliche Erkenntnis?“

Conrad Hilton: "Dass es besser ist, den Vorhang beim Duschen in die Badewanne zu hängen.“

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