Kardinal Christoph Schönborn: Was kann die Kirche aus der Missbrauchs-Krise lernen?

Was kann die Kirche aus der Missbrauchs-Krise lernen? Die Missbrauchs-Krise bedeutet für die Kirche eine schwere Belastung – dies vor allem deshalb, weil der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ein schweres Verbrechen darstellt.

Die österreichischen Bischöfe haben bei ihrer Frühjahrsvollversammlung ein Jesus-Wort aus dem Lukas-Evangelium zitiert: „Es ist unvermeidlich, dass Ärgernisse kommen. Aber wehe dem, der sie verschuldet. Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen, als dass er einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt.“ Das ist natürlich kein Plädoyer für die Todesstrafe, aber Jesus will mit dem drastischen Bild darauf hinweisen, dass der Missbrauch von Kindern ein gravierendes Verbrechen ist.

Viele dieser Verbrechen haben sich vor Jahrzehnten ereignet. Was kann die Kirche heute tun? Es sind drei Schritte:
1. Die erste Sorge muss den Opfern gelten; es muss alles getan werden, um ihre Wunden zu heilen.
2. „Die Wahrheit macht frei“, wie es im Johannes-Evangelium heißt. Es darf nichts vertuscht oder unter den Teppich gekehrt werden, so schmerzlich es auch ist.
3. Vorbeugung ist von entscheidender Bedeutung. Das Phänomen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen muss in der Kirche so weit als möglich zurückgedrängt werden.
Jeder Missbrauchsfall ist einer zu viel.

In der Erzdiözese Wien sind ab 1996 – nach der „Causa Groër“ – drei Maßnahmen gesetzt worden: 1996 wurde die Ombudsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs eingerichtet. Zugleich wurde das „Screening“ der Priesteramtskandidaten im Hinblick auf den Aspekt der psychosexuellen Gesundheit intensiviert, 2006 wurde nach einem längeren internen Diskussionsprozess der Maßnahmenkatalog zur Verhinderung von sexuellem Missbrauch verabschiedet und veröffentlicht. Dieser Maßnahmenkatalog gilt für Priester und Laien, alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Erzdiözese. Die Hauptamtlichen haben sie mit ihrem Dienstvertrag unterschrieben. Es gilt, dieses Dokument konsequent in die Praxis des Alltags zu übersetzen.

Mit der Einsetzung von Waltraud Klasnic als „unabhängige Opferbeauftragte“ – mit gesamtösterreichischer Zuständigkeit – ist ein weiterer Schritt gesetzt worden.

Die Missbrauchs-Krise ist für die Kirche eine schwere Prüfung – aber es besteht auch die Hoffnung, dass diese Krise einen heilsamen, wenn auch schmerzlichen Läuterungsprozess bedeutet. Zweifellos ist dieser Läuterungsprozess mit hohen „Kosten“ – materiellen wie immateriellen – verbunden. Es ist davon auszugehen, dass in der Zeit von 1. Jänner bis 31. März die Kirchenaustritte gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs um 28 bis 30 Prozent zugenommen haben. Jeder getaufte und gefirmte Christ, der sich aus der Kirche verabschiedet, ist ein Verlust – es ist gleichsam, wie wenn jemand aus der Familie fortgeht. Auch materiell (durch den Kirchenbeitrag) bedeutet ein Katholik, der weggeht, im Hinblick auf die solidarische Finanzierung der seelsorglichen, sozialen und kulturellen Basisaufgaben der Kirche einen Verlust.

Die Kirche ist „eine“, auch wenn es viele kirchliche Rechtsträger gibt. Sie ist in der Gesellschaft in vielfältiger Weise positiv präsent, sie bietet direkt und indirekt viele Arbeitsplätze. Weil durch den Kirchenbeitrag die Basisstruktur der Kirche gesichert wird, ist es auch möglich, dass die großen kirchlichen Spendensammlungen so erfolgreich sind – und so viele Frauen, Männer und Jugendliche im kirchlichen Bereich ehrenamtlich tätig sein können.

Auch wenn das Gesicht der Kirche mitunter durch Falten und Wunden entstellt ist – wie jetzt durch die Missbrauchs- Krise – leistet sie einen unverzichtbaren Beitrag für das Gemeinwohl der Gesellschaft.

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