Kapitalismus ohne Demokratie

Kapitalismus ohne Demokratie

Am 4. Juni 1989 schlug die 27. Feldarmee Chinas friedliche Demonstrationen am Tian’anmen-Platz in Peking nieder. Über Wochen hatten mehr als eine Million junge Menschen gegen Korruption und für mehr Rechte protestiert, sie hatten die Freiheitsstatue nachgebaut und sie „Göttin der Demokratie“ genannt.

Aber Chinas Führer, Deng Xiaoping, ­heute für die wirtschaftliche Öffnung des Landes bekannt, sprach sich für eine gewaltsame Lösung aus. Über die Zahl der Opfer wird geschwiegen.

Das berühmte Bild des „Tank Man“ (rechts), jenes jungen, nach wie vor unbekannten Mannes, der eine Panzerdivision zum Stehen brachte, ging damals um die Welt. Was in China fast vergessen und aus Büchern wie Onlinearchiven verbannt ist, zählt für Europäer zu den ikonografischen Momenten des 20. Jahrhunderts. Das Foto prägte eine ganze Generation Heranwachsender, die keinen Krieg erlebt hatten, weil es den unglaublichen Wert von Freiheit und ­Demokratie versinnbildlichen konnte.

Aufgrund des Scheiterns des Aufstands bildete es den Widerspruch zu den positiven Bildern des Jahres 1989: von den Wahlen in Polen, der Öffnung des Eisernen Vorhangs und vom Fall der Berliner Mauer.

25 Jahre später ist China nicht wieder in der Versenkung versunken, wie es Kommentatoren unmittelbar nach dem Massaker für möglich hielten. Der wirtschaftliche Aufstieg des Landes wird bewundert; es gibt heute chinesische Milliardäre und Millionen Menschen, die der Armut entkommen sind. So wie es Deng Xiaoping geplant hatte: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sagte er, dass sie eben den Fehler begangen habe, ihre Einwohner nicht reich zu machen.

Mit diesem Ziel vor Augen trieb er und treiben seine Nachfolger die chinesische Ausprägung des Kapitalismus voran. ­Politische Reformen bleiben weitestgehend tabu. Die Strategie scheint aufzugehen, auch im wirtschaftlich eng verknüpften Westen. 25 Jahre nach dem Massaker wird die Frage nach der Einhaltung der Menschenrechte außerhalb von Kunst und Kultur (Stichwort Ai Weiwei) selten gestellt. Bevor ein Aufrechnen dessen beginnt, was Staaten einander vorwerfen dürfen (Stichwort Guantanamo) und was nicht, mischt man sich lieber nicht ein. Solange es den meisten gut geht, bleibt alles ruhig, so ist offenbar die Hoffnung.

Die Frage, ob es China schlechter ­ergangen wäre, hätte es 1989 eine Freiheitsbewegung gegeben, lässt sich nicht seriös beantworten. Die Frage, ob einmal erreichte Freiheit etwa durch Überwachungsmöglichkeiten immer wieder ­gefährdet ist, allerdings schon: Ja. Es reicht, zu wissen, dass 1,4 Milliarden ­Chinesen ein wesentliches Ereignis ihrer Geschichte vorenthalten werden kann.

- Martina Bachler

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten

Kommentar

Standpunkte

Stiegl-Eigentümer Heinrich Dieter Kiener: Auf ein Bier mit John Maynard Keynes