Jungbrunnen Denken

Jungbrunnen Denken

Dauernde Weiterbildung begünstigt Lebensglück und Berufserfolg, ist aber leichter gesagt als getan. Hier einige Richtlinien.

"Gescheit ist gescheiter als blöd.
Komplizierter wird’s nicht“

Adam Bronstein, Tagebuch eines Kapitalisten

Diesem Essay liegen vier Hypothesen zugrunde. Erstens: Das Gespenst Erwachsenenbildung spukt durch alle Köpfe, aber nur wenige haben es gesehen. Zweitens: Auch in der Weiterbildung ist Selbsthilfe wichtiger als Staatshilfe. Drittens: Der Schaden fehlender Selbstbildung ist größer als geglaubt. Viertens: Wer seine natürliche Geistesträgheit (Indolenz) überwindet und den Versuch unternimmt, täglich ein Stück mehr zu wissen, wird umgekehrt reicher belohnt als geglaubt.

Die folgenden Erwägungen zum Thema sind auf jene gemünzt, die Führungskräfte der Wirtschaft sind. Oder dies werden wollen, beispielsweise aufstiegswillige Arbeiter, frustrierte Priester, ambitionierte Studenten und Schüler (mein jüngster trend-Leserbriefschreiber war 12).

Um das Pferd vom Schwanz her aufzuzäumen: Welches Ziel soll durch beharrliche, freiwillige Weiterbildung eigentlich errreicht werden? Zunächst einmal eines, das unendlich bescheiden klingt: wenigstens nicht Tag für Tag blöder zu werden. Netter gesagt: nicht immer dünnere Bretter zu bohren, geistig nicht zu verflachen.

Podiumsdiskussionen, die ich als Teilnehmer oder Moderator begleitete, waren oft schwer in Gang zu bringen. Dies hat den merkwürdigen Grund, dass in den deutschsprachigen Ländern, die als besonders "ordentlich“ und "gründlich“ gelten, der Definitionswahnsinn daheim ist. Man ist außerstande, über Inhalte zu streiten, ehe nicht auf den Buchstaben genau geklärt ist, wovon gesprochen wird. Wenn der Moderator nicht brutal ist, dauert die Definitionsdiskussion 90 Minuten. Dann wird Schluss gemacht, ohne den Kern der Sache berührt zu haben.

Beim vorliegenden Thema ist diese Gefahr extra virulent. Es lässt sich prächtig über die unterschiedliche Bedeutung der Begriffe gescheit und weise, Wissen und Bildung schwätzen. Hier mag genügen, dass alles miteinander anzustreben ist.

Statt Definitionen wie Knödel in Bröseln zu wälzen, ist es klüger, Angst und Schrecken an den Anfang zu stellen. Nämlich die konkrete Vision, was passiert, wenn einer aufhört zu lernen. Der Volksmund kennt alberne Sprüche wie "Kommt Zeit, kommt Rat“ und "Weisheit kommt mit dem Alter“. Das ist gefährlicher Unfug, erfunden von Greisen, die sich besser machen wollten, als sie sind. Wahr ist lediglich, dass alte Leute logisch mehr Erlebnisse hatten als Junge. Das hat noch nichts mit Gescheitersein zu tun. Dies ist erst dann der Fall, wenn aus Erlebnissen bewusst Erfahrungen destilliert werden - ein anstrengender Prozess, dem sich nicht alle, vielleicht sogar die wenigsten, unterziehen. Mit der Folge, dass viele Vollreife im Glauben, klüger als die Jugend zu sein, tatsächlich weit hinter die Jungen zurückfallen.

Die sportlichen Disziplinen "Denken“ und "Weiterbilden“ sind wie Rudern gegen den Strom. Wer aufhört, wird flussabwärts davongetragen. Jeden Tag vergisst man ein Stück mehr. Alles im Gehirn gespeicherte Wissen hat eine Halbwertszeit des Zerfalls. Selbst die Gesichter geliebter Verstorbener verblassen, wenn sie nicht mit Fotos und Filmen in Erinnerung gehalten werden.

In Vorträgen zitiere ich gern einen beglückend selbstironischen Satz meines Freundes Andy Gaiser. Er fand ihn als "frühreifer Alter“ schon mit 30: "Mein Maturaniveau werde ich so bald nicht mehr erreichen.“ Er gab sich aber Mühe. Vorbildlich auch ein anderer Freund, Wilhelm Pilz, Boss der erfolgreichen Gewürz-Manufaktur RAPS in Obertrum. Um geistig top zu bleiben, studierte er mit 50 nochmals an der WU. Er ergänzte seinen Diplomkaufmann mit dem Doktortitel, notabene als Bester seines Semesters.

Zugleich entdeckte er die Schauspielerei als fordernde Freizeitbeschäftigung. Angeborenes Talent half dabei, ans "Textlernen allerdings“, so Pilz, "musste ich mich erst wieder gewöhnen.“ Bald war sein Gehirn jungtrainiert wie einst, als er sich die Schiller-Balladen als Schüler blitzschnell merkte. Er blickt jetzt in seinem Fach "Britische Komödie“ (Oscar Wilde, Bernard Shaw) auf schöne Bühnenerfolge zurück. Kürzlich drehte er TV-Szenen für "Soko Kitzbühel“. Großes Kompliment von Profi Heinz Marecek: "Ich würde Dir jeden Gebrauchtwagen abkaufen.“ Dieses detaillierte Beispiel als Ansporn für ältere Semester.

Immergrün bleiben zu wollen, hat auch mit Eitelkeit zu tun, die laut Goethe fälschlich negativ besetzt ist: "Achtet mir die Eitlen, sie machen sich der Sozietät angenehm.“ Er wusste, wovon er sprach. Meisterschaft und Eitelkeit ermächtigten ihn zu Meisterwerken noch mit 80.

Viele Alte, die an automatischen Weisheitszuwachs glauben, lehnen sich zu früh zurück. Doch auch Junge - zumal junge Führungskräfte der Wirtschaft - machen schon Fehler. Erstens zuviel passives Fernsehen, zuwenig aktives Lesen. Zweitens glauben sie oft den schwachsinnigen, dennoch unausrottbaren Satz: "Man braucht kein Wissen im Kopf. Man muss nur wissen, wo man nachschauen kann.“

Was macht so einer, wenn er einen potentiellen Geschäftspartner von seinem Geist und seiner Persönlichkeit überzeugen will? Nimmt er den Computer an den Business-Dinner-Tisch mit? Lässt er sich im Gespräch von Google und Wikipedia helfen? Er würde sich damit lächerlich machen. Er gliche den Witzeerzählern. Witze sind an sich schon problematisch. Normalerweise killen sie jede gute, frei fließende Unterhaltung. Richtig peinlich wird es aber dann, wenn der Erzähler vorher auf einem Zettel nachschaut, den er hinter dem Stecktuch bei sich trägt.

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