Italiens Conducător ist wieder zurück

Die Wahrscheinlichkeit, dass Berlusconi die Wahlen gewinnt, ist aber so niedrig wie die Anzahl seiner natürlich gewachsenen Haare am Kopf.

Berlusconi will immer die Hauptperson sein: In der Kirche der Papst, bei der Hochzeit die Braut und auf der Beerdigung der Tote“, sagte der italienische Komiker Roberto Benigni. So gesehen läuft es bestens für Berlusconi: Kaum hat er angekündigt, für die Wahlen im Februar 2013 wieder als Spitzenkandidat seiner Partei PdL (Popolo della Libertà) zu kandidieren, brechen die Börsenkurse ein, der "Spread“ schnellt hoch wie eine Fieberkurve - und der Einzige, den die erneut steigende Zinsdifferenz zwischen italienischen Staatstiteln und deutschen Bundesanleihen kalt lässt, ist Berlusconi selbst.

Er verkündet, dass die Fieberkurve nichts anderes sei als ein Schwindel mit dem Ziel, die von den Italienern gewählte Regierungsmehrheit zu Fall zu bringen. "Ich bin ein Conducător, dem die Italiener vertrauen“, stellt Berlusconi fest - wobei ihm offenbar entgeht, dass der letzte Conducător, der rumänische Diktator Ceaușescu, ein eher unrühmliches Ende fand.

Bis vor wenigen Tagen gab sich das Ausland der Illusion hin, dass der Berlusconismus in dem Moment beendet war, als sich das Land mit dem viertgrößten Schuldenberg der Welt vor einem Jahr kurz vor dem Staatsbankrott befand - und den Händen des seriösen Wirtschaftsprofessors Mario Monti übergeben wurde.

Man ging davon aus, dass Berlusconi nur noch seine bizarren Privatinteressen pflege, während Monti ein Reformgesetz nach dem anderen verabschieden würde - vom Gesetz gegen Korruption über die Reform des Arbeitsmarkts bis hin zum Porcellum, Schweinerei, genannten alten Wahlrecht: Eine Partei, die nur auf 30 Prozent der Stimmen kommt, erhält 55 Prozent der Sitze. Der Wähler kauft dabei die Katze im Sack, er kann keine Kandidaten wählen, sondern nur Parteien oder Bündnisse.

In Italien jedoch hatte niemand daran geglaubt, dass die Parteien Montis Reformen zustimmen. Deshalb hielt sich die Überraschung auch in Grenzen, als Monti schließlich seinen Rückzug und Berlusconi seine Spitzenkandidatur ankündigte. Mit den Worten, er opfere sich für die Rettung Italiens vor Montis "rezessiver Politik“ und dem "germanozentrischen Europa“ auf.

Klar ist aber auch den blindgläubigsten Italienern, dass Berlusconi vor allem sich selbst retten will: vor den noch laufenden Prozessen (Sex mit Minderjährigen, illegales Abhören politischer Gegner, Steuerhinterziehung), vor dem Niedergang seines Medienimperiums Mediaset und vor dem Zerbröseln seiner Partei.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Berlusconi die Wahlen gewinnt, ist zwar so gering wie die Anzahl natürlich gewachsener Haare auf seinem Kopf, aber das spielt keine Rolle, da wohl auch keine andere Partei die Wahlen gewinnen wird:

Nie war die italienische Parteienlandschaft so zersplittert wie heute. Ob Monti ein bürgerliches Bündnis anführen wird oder nicht, ob die Bewegung des "Antichristen“ Beppe Grillo "5 Stelle“ tatsächlich 20 Prozent der Stimmen erringt, ob die linksdemokratische PD die meisten Stimmen im Parlament bekommt, eines ist sicher: Aufgrund des Wahlrechts wird keine Partei über die notwendige Mehrheit im Senat verfügen - und dort auf die Stimmen von Berlusconis PdL angewiesen sein.

So kann Berlusconi dann sein wesentlichstes Vorhaben weiter vorantreiben: die Schwächung der Justiz, die ein wesentliches Ziel der Geheimloge P2 war, zu der Berlusconi gehörte. Sie wollte die Regierung unterwandern, am Ende sollte ein mit erheblich mehr Macht ausgestatteter Staatspräsident an der Spitze des Landes stehen, der dann vom Volk direkt gewählt würde, während Parlament und Justiz ihrer Befugnisse beraubt wären.

In den Augen vieler Italiener ehrt es Berlusconi noch heute, stets dagegen zu sein: gegen die Richter, gegen den Staatspräsidenten, gegen die Europäische Union. "Nie hat ein Prätendent platter auf die Plattheit der Massen spekuliert.“ Das sagte Marx über Napoleon III., aber kein Satz charakterisiert Silvio Berlusconi besser. Höchstens jene Bemerkung des Journalisten Indro Montanelli, der Berlusconi für eine Krankheit hielt, von der die Italiener erst geheilt seien, wenn sie sich impfen lassen würden: durch eine ordentliche Dosis Berlusconi als Ministerpräsident oder als Staatspräsident. Heute sind viele Italiener davon überzeugt, dass Berlusconi so etwas wie Ebola sein muss.

Zur Person: Petra Reski arbeitete als Journalistin unter anderem für den "Stern“ und "Die Zeit". Sie verfasste mehrere Anti-Mafia-Bücher und lebt in Venedig.

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