Israel: Am nächsten zur explodierenden Handgranate

Israel: Am nächsten zur explodierenden Handgranate

Wer nach den immer gleichen Stereotypen reagiert, Israel sei der Aggressor, möge diesen Kommentar nicht lesen. Für alle anderen: ein paar Fakten.

Wohl gibt es im Westen noch immer Journalisten, Politiker, Menschen auf der Straße, die auf die erneute Eskalation der Situation im Gazastreifen mit den immer gleichen Stereotypen reagieren: Israel sei der Aggressor; würde Israel nur endlich die Blockade des Gazastreifens beenden, gäbe es sofort Frieden; dieser Waffengang sei nur der Kriegslüsternheit von Premierminister Netanyahu und seinem Außenminister Lieberman geschuldet, die obendrein vor Wahlen stünden und daher den starken Mann hervorkehren müssten.

Wer noch immer in solchen gestrigen Vorstellungen verfangen ist, möge an dieser Stelle aufhören zu lesen. In diese Richtung nur zwei Fakten: Während durch die Raketenangriffe aus Gaza und die Vergeltungsschläge Israels bisher zirka 100 Tote zu betrauern sind, wurden genau zur gleichen Zeit, nämlich in der vergangenen Woche - täglich - zwischen 130 und 205 Menschen in Syrien getötet, mehrheitlich Zivilisten. Erinnert sich jemand an eine Demonstration oder einen hörbaren Protest gegen dieses Morden, das bisher sage und schreibe 50.000 Menschenleben forderte?

Zweitens: Beim letzten Waffengang zwischen der Hamas und Israel im Winter 2008/2009 wurden Israel schnell schwerste Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Der UN-Menschenrechtsbeirat verurteilte Israel aufgrund des sogenannten Goldstone-Berichts. Just der Verfasser dieses Berichts, der südafrikanische Richter Richard Goldstone, widerrief zwei Jahre später jedoch seinen Befund und bedauerte den Bericht.

Der Kommandeur der britischen Truppen in Afghanistan und Sicherheitsberater der britischen Regierung stellte vor ebendieser UN-Kommission wörtlich fest: "Während des Gazakriegs hat die israelische Armee mehr zum Schutz der Zivilbevölkerung in einer Kampfzone getan als irgendeine andere Armee in der Geschichte der Kriegsführung.“

Kommen wir also zur Sache: Wie ist die derzeitige Eskalation der Situation in und um Israel zu verstehen? Diese steht in einem viel größeren Zusammenhang und passiert natürlich nicht zufällig. Der Politikwissenschafter Roland Benedikter stellte kürzlich im "Standard“ treffend fest: Der Iran steht an der Schwelle zur Atommacht und benötigt noch einige Monate, in denen die Aufmerksamkeit Israels und der westlichen Welt abgelenkt werden muss. Wie geht das am besten? Die mit dem Iran engst verbündete Hamas setzt im Gazastreifen das lang bewährte Karussell in Bewegung: Das Kernland Israels wird mit Raketen beschossen - die übrigens vorwiegend aus dem Iran nach Gaza geschmuggelt werden. Israel muss reagieren, die gesamte arabische und islamische Welt heult auf, im Westen wird Israel verurteilt, und die mühselig gezimmerte Anti-Iran-Achse USA, Europa, Israel geht in die Brüche.

Auch der Bürgerkrieg in Syrien wird vom Iran am Köcheln gehalten. Wie zufällig dringen vergangene Woche, seit Jahrzehnten zum ersten Mal, syrische Panzer in die entmilitarisierte Zone an der Nordgrenze Israels ein und beschießen israelische Militärposten. Wieder der gleiche Effekt: Israel und die westliche Welt sind beschäftigt.

Tatsächlich ist die gesamte Situation im Nahen Osten besorgniserregend. Längst ist der in der westlichen Welt oft geäußerte, enttäuschend naive Optimismus über den Aufbruch in der arabischen Welt verflogen. Der Fall der Regime in Ägypten, Libyen, Tunesien stellte natürlich keineswegs einen Sieg der Demokratie und der Bürgergesellschaft dar. Die dort neu an die Macht Gekommenen führen ihre noch mittelalterlich rückständigen Gesellschaften mitnichten schnurstracks in die Moderne. Keine Spur von der Einrichtung eines modernen Bildungswesens, einer Gleichstellung von Mann und Frau, eines Aufbaus demokratischer Strukturen samt Rechtsstaat, einer Förderung marktwirtschaftlicher Strukturen, ganz zu schweigen von einem Ende der Hetze gegen Israel, die USA und die gesamte westliche Welt. Das Gegenteil ist der Fall.

Man soll sich keine Illusionen machen. Es geht überhaupt nicht darum, dass Israel doch nur den Siedlungsbau stoppen oder die Blockade des Gazastreifens beenden möge, und dann gäbe es gleich den lang ersehnten Frieden im Nahen Osten. Das ist Unfug. Wir stehen vor Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, wo in der gesamten Region ständig Revolutionen, Umstürze und Kriege stattfinden werden. Israel kommt dabei für die gesamte westliche Welt die tragische Rolle jenes Soldaten zu, der sich auf die Handgranate stürzen muss, um die anderen Kollegen zu retten, weil er zufällig am nächsten zum Explosionsort steht.

- Martin Engelberg ist Psychoanalytiker, Coach und Mitherausgeber der jüdischen Zeitschrift "Nu“

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