Innovation braucht Willen und Tatkraft

Wir brauchen eine neue industrielle Revolution als Antwort auf die globalen Herausforderungen.

Innovation braucht Willen und Tatkraft

Die Geschichte der Zivilisation ist zugleich auch die Geschichte immer schneller aufeinanderfolgender Innovationen. Quelle dafür sind zwei Urtriebe des Menschen: Wissbegierde und das Streben nach Neuem. Veränderungen sind die Folge. Dieses Streben begleitet die Menschen, seit ihnen, wie die griechische Mythologie erzählt, Prometheus vom Olymp verbotenerweise das Feuer brachte und sie lehrte, damit umzugehen. Prometheus wurde für dieses Vergehen von Zeus bekanntlich schwer bestraft, weil er den Menschen geholfen hatte.

Heute werden diejenigen bestraft, die sich der Innovation und der Veränderung verschließen. Denn in einer globalisierten Welt werden Bildung, Forschung und Innovation immer mehr zu den entscheidenden Faktoren im wirtschaftlichen Wettbewerb – und für die Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Schon jetzt entscheidet sich die Zukunft eines Landes in erster Linie durch seine Innovationskraft und die Nutzung seines Talentepotenzials. Dieser Entwicklung darf sich auch Österreich nicht entziehen, wenn es sein hohes Wohlstandsniveau mittel- und langfristig sichern will.

Besser leben als Monarchen

Die Industrialisierung ermöglichte erstmals in der Menschheitsgeschichte Massenwohlstand und Massenwohlfahrt. Eric Hobsbawm verweist nicht von ungefähr darauf, dass heute ein Durchschnittsbürger in Europa besser lebt als ein Monarch vor 200 Jahren. Noch vor 100 Jahren hatte in Österreich kaum jemand ein Wasserklosett, ein Badezimmer, ein Telefon oder ein Auto. Gab es 1960 in Österreich 404.042 Pkws, sind es heute bereits mehr als viereinhalb Millionen. Noch im Jahr 1974 hatten nur 42 von 100 heimischen Haushalten einen Telefonanschluss, heute sind es rund 90 von 100. Bereits 80 von 100 Haushalten haben ein Mobiltelefon, insgesamt liegt die Handydurchdringung in Österreich bei 140 Prozent. Und nahezu jeder Haushalt verfügt über ein Radio, einen Fernseher, einen Kühlschrank, einen Staubsauger etc. Mit der Globalisierung wurde überdies eine Entwicklung erreicht, die Millionen Menschen aus der Armut befreite und die vor allem in der westlichen Welt ein Leben in Wohlstand ermöglicht.

Schöpferische Zerstörung

Direkte Folgen davon sind etwa die gestiegene Lebenserwartung, aber auch die Explosion der Weltbevölkerung. Die UNO geht davon aus, dass die Weltbevölkerung bis 2025 auf acht Milliarden und bis 2050 auf neun, möglicherweise sogar auf zehn Milliarden Menschen ansteigt. Mit diesem Anstieg geht in vielen Ländern und Regionen der Welt auch ein Alterungsprozess einher. So ist die Lebenserwartung in allen OECD-Staaten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kontinuierlich gestiegen. Diese Entwicklung wird sich auch in den nächsten 50 Jahren linear fortsetzen: Die durchschnittliche Lebenserwartung wird jährlich um weitere drei Monate steigen. In Österreich ist sie in den vergangenen 50 Jahren für Männer von 62,3 auf 77,4 Jahre, für Frauen von 67,8 auf 82,9 Jahre gestiegen.

Für die Lösung daraus resultierender und immer größer und immer dringlicher werdender globaler Probleme – demografische Entwicklungen, Ressourcenknappheit, Klimawandel oder Urbanisierung – bedarf es eines innovativen Wandels. Innovation ist immer auch der Bruch mit bisherigen Gewohnheiten, ein Prozess von Neuerungen. Schumpeter bezeichnete diesen Prozess als schöpferische Zerstörung, bei dem bisherige Produkte oder Verfahren durch neue ersetzt werden.

Neue industrielle Revolution

Der Beginn der Neuzeit mit ihren revolutionären Entwicklungen wird auch oft mit dem Beginn einer neuen Wissenschaftskultur durch das „Erfinden des Erfindens“ gekennzeichnet. Sie befreit Prometheus von den Fesseln. Eine Antwort auf die heutigen globalen Herausforderungen könnte „eine neue industrielle Revolution“ (Peter Marsh) liefern, die mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte, mit einem breiten strukturellen Wandel und mit einer neuen Innovationskultur einhergeht.

Innovation wird nicht lediglich als Entwicklung neuer Ideen für neue Produkte und bessere Prozesse begriffen, sondern als weitaus vielschichtigeres Konstrukt. Innovationen und ihre Umsetzung bedürfen einer tiefen Überzeugung, des Glaubens an die Sache und zumeist auch eines langen Atems. Der Innovationsprozess ist nicht nur ein technischer Vorgang, so wichtig dieser ist, sondern auch ein soziales, ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Einflussgrößen, die oftmals Bedenken oder sogar Ängste auslösen.

Voraussetzung für die Überwindung dieser Bedenken und Ängste ist – neben einem effizienten Bildungssystem, das den Menschen das notwendige Rüstzeug mit auf den Weg gibt – eine entsprechende politische Weitsicht. Diese braucht einen umfassenden Überblick und die Überzeugung, dass Bildung, Forschung, Technologie und Innovation nicht bloße Schlagworte sind, sondern Notwendigkeiten für das wirtschaftliche und gesellschaftliche Wohlergehen der Menschen. Außerdem braucht sie einen starken Umsetzungswillen, um den Herausforderungen mit Tatkraft zu begegnen.

Diese Weitsicht ist heute ein rares Gut. Dabei liegen alle Rezepte längst am Tisch. Mit dem Dichter Horaz könnte man sagen: „Wer erst einmal begonnen hat, hat damit schon zur Hälfte gehandelt: Wage, weise zu sein, fang an!“

- Hannes Androsch
Industrieller, Initiator des Bildungsvolksbegehrens