Hurra, die Schule brennt!

Hurra, die Schule brennt!

„Die Schule ist neu zu denken. Mit dem Lehrerdienstrecht hat das nur am Rande zu tun.“

Diesen Schulen geht es blendend: Jeder sechste Schüler, jede sechste Schülerin in Österreich besucht eine Ordensschule; insgesamt sind das 50.000. Die Schülerzahl steigt, trotz geburtenschwacher Jahrgänge.

Auch andere Privatschulen boomen. Das Theresianum in Wien investiert wegen stetig wachsender Nachfrage; zusätzlich zum Gymnasium wurde ein Kindergarten und eine Volksschule eröffnet. Alle Angebote sind teuer, aber pädagogisch anspruchsvoll. "Die Kinder lernen dort was“ (Elternstimme).

Das staatliche Schulwesen dagegen steckt im Jammertal. Es gehört zu den teuersten Schulsystemen Europas, schafft aber nur mittelmäßige Ergebnisse. Die Notwendigkeit von Verbesserungen bestreitet niemand, Gewerkschafter eingeschlossen. Die Regierungsparteien setzen bei den LehrerInnen an. Ihnen wird, gegen hinhaltenden Widerstand, ein neues Dienstrecht verpasst. Die Verhandlungen laufen seit 2001.

Die Protestschreie der Lehrerschaft tönen durchs ganze Land, von Kampfmaßnahmen ist die Rede. Koalitionsverhandler raunen, etwas Besseres könne ihnen nicht passieren, Motto: Hurra, die Schule brennt! Streiks an Schulen sind bei der Bevölkerung unpopulär und würden die notwendigen harten Sparmaßnahmen in anderen Bereichen überdecken.

Nun sind die Lehrergewerkschafter mit ihrem Betonjargon keine Sympathieträger, alle möglichen Berufsgruppen müssen Einbußen akzeptieren, und irgendwo müssen Reformen anfangen. Abseits aller tagespolitischen Taktik ist aber die Frage zu stellen: Setzt die Regierung die richtigen Prioritäten? Wird die Schule besser durch Änderungen beim Lehrerdienst?

Die Antwort: Gewiss nicht. Eine Dienstrechtsnovelle hätte jede Regierung seit zwölf Jahren beschließen können. Von der Sache überzeugt war man offenbar nicht. Jetzt macht man in der Not Symbolpolitik und fängt am falschen Ende an.

Die vergeudete Zeit wäre für zeitgemäße Konzepte zu nützen gewesen. Die sollten pädagogisch hochwertige Angebote umfassen, aber auch die klare Leistungseinforderung beim Schüler.

Was macht ein gutes Bildungssystem aus? Es sieht jedenfalls keine 40-Stunden-Woche für Schüler und nicht Eltern als dauerhafte Nachhilfelehrer vor. Die Basis jeder guten Schule sind exzellente Lehrer. Erfolgreiche Bildungsstandorte wie Finnland stecken viel Geld und Energie in die Auswahl, Aus- und Weiterbildung. Wenn österreichische Umfragen "mehr Freizeit“ als Hauptmotiv bei der Berufswahl ergeben, ist das ein Trauerspiel.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: "Die Lehrer“ gibt es nicht. Es gibt faule und fleißige, wie es faule und fleißige Bäcker oder Journalisten gibt. Aber es gab in den vergangenen Jahrzehnten reichlich Nahrung für Vorurteile. Wer Lehrer wird, bleibt es im Regelfall bis zum Ruhestand. Ein Schuldirektor hat keine Möglichkeit, Versager loszuwerden. Dieser Schutzmantel für schwarze Schafe ist ein schwerer Fehler der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst, die den Begriff der Solidarität falsch auslegt.

An 15 Universitäten und Pädagogischen Hochschulen werden derzeit neue Wege der Lehrerausbildung gesucht. Die Aufnahmeverfahren werden verbessert, Bewerber sollen sich einer strengen Auswahl stellen. Ergebnisse wird man erst in ein paar Jahren sehen.

Ein besseres Bildungssystem braucht auch mehr Ganztagsschulen. Davon ist oft die Rede, geschehen ist wenig, weil der Ausbau nochmals Geld kostet und der politische Widerwille groß war. Der VP-Slogan "Zwangstagsschule“ ist Unsinn, die gesellschaftliche Realität hat ihn längst überholt. Die jetzige Parteiführung sieht das ein.

Ganztagsschulen erfordern aber auch bessere Arbeitsplätze und neue Arbeitszeitregelungen für Lehrer sowie die entsprechende Infrastruktur für Schüler. Es reicht nicht, wenn sie am Nachmittag "zwischengelagert“ werden

Derzeit prägt die Herkunft den Schulerfolg, Kinder aus bildungsfernen Schichten sind z. B. bei der Lesekompetenz durchschnittlich ein Jahr hinter Gleichaltrigen aus der Oberschicht.

Es gibt viel zu tun für die Bildungspolitik. Die Tyrannei des Status Quo ist zu beenden, die Schule neu zu denken. Mit dem Lehrerdienstrecht hat das nur am Rande zu tun.

- Christoph Kotanko
Korrespondent der Oberösterreichischen Nachrichten in Wien

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