Hirnschmalz statt Hinsichtl und Rücksichtl

Es muss uns gelingen, in möglichst vielen zukunftsträchtigen Bereichen an die Weltspitze zu gelangen.

Hirnschmalz statt Hinsichtl und Rücksichtl

Was die Europäische Union mit ihrer Strategie "EU-2020“ aufgegriffen hat, nämlich smartes Wachstum zu pushen, gilt genau so für Österreich. Wie das übrige Europa ist auch unser Land immer stärker von Rohstoffimporten abhängig, hat ein wachsendes Überalterungsproblem und zahlt hohe Sozialleistungen. Das wird sich in absehbarer Zeit nicht ändern - im Unterschied zu Amerika.

Die USA setzen zurzeit voll auf billige Energie aus Schiefergas und wollen bis 2030 sogar zu einem Exporteur von Energie werden. Europa und Österreich können dieser Entwicklung im Wesentlichen nur durch Innovationen und Nachhaltigkeit im Sinne eines robusten Gleichgewichts zwischen Ökonomie, Ökologie und Sozialkompetenz gegensteuern. Nun wissen wir aber längst, dass wir in punkto Innovationen zwar gut, aber nicht Spitze sind. So gesehen sind wir gleich doppelt gefordert. Wir müssen unsere strukturellen Nachteile mit Hilfe von Brainpower kompensieren und es muss uns gelingen, in möglichst vielen zukunftsträchtigen Bereichen an die Weltspitze zu gelangen.

Die österreichischen F&E-Ausgaben haben mittlerweile zwar 2,9 Prozent des BIP erreicht und wir sind damit nahe am 3-Prozent-Ziel der EU. Es muss uns aber bewusst sein, dass dieses Ziel nur reicht, um den Anschluss nicht zu verlieren - aber nicht, um an die Spitze zu gelangen.

Verschärfend kommt hinzu, dass es nicht nur um die Höhe der eingesetzten Mittel, sondern um die Frage gehen muss: "Wie und wofür werden diese Mittel eingesetzt?“ Österreich braucht eine klare Strategie, welche Nischen es unter den zahllosen Möglichkeiten besetzen will. Eine enge Abstimmung zwischen Forschung, Bildung, Unternehmen und öffentlicher Verwaltung ist dafür eine Grundvoraussetzung. Unsere Erfolgschancen werden umso größer sein, je präziser wir für uns vielversprechende Nischen definieren.

Ähnlich verhält es sich mit der internationalen Vernetzung. Österreichs Forschung ist zwar sehr gut im Absorbieren von Mitteln aus dem europäischen Forschungsfonds und international gut vernetzt, aber auch hier liegt die Kunst in der Auswahl und im Setzen von Prioritäten.

Problematischer verhält es sich mit den Strukturen zur Bildung von Innovationsketten und -zyklen. Als gelernte Österreicher wissen wir, dass gerade dort, wo es für gezielte Maßnahmen viele Schnittstellen zwischen Ministerien, Verwaltungen, Businessleuten und Finanzierungen gibt, die Chance auf rasches und wirksames Handeln nicht gegeben ist.

Wie könnte es also gelingen, die teils geringe Bereitschaft unseres Finanzsektors, Risikokapital zur Verfügung zu stellen, zu verändern und die Bedingungen für Start-up-Unternehmen zu verbessern? Wo muss man die Strukturen so verändern, dass in einem Land, dessen Wirtschaft sich aus KMUs rekrutiert, die notwendige kritische Masse erzeugt werden kann, um mit Innovationen erfolgreich zu sein?

Alle diese Themen standen auch im Mittelpunkt der diesjährigen Technologiegespräche in Alpbach, wo Voraussetzungen, Erfahrungen und Werte zur Zukunft der Innovation diskutiert wurden. Hannes Androsch, Schirmherr der Technologiegespräche, machte von Beginn an klar: Was bisher in Österreich in punkto Innovationen geschieht, ist zwar durchaus passabel, reicht aber bei weitem nicht, um Österreich an die Weltspitze zu bringen. In zwölf Arbeitskreisen wurden viele gute Ideen vorgebracht, aber auch hier trat die österreichische Schwäche der viel zu zaghaften und halbherzigen Umsetzung zutage.

Das bringt mich zur eigentlichen Achillesferse einer zügigen Realisierung von Innovationen in Österreich: Unsere innerstaatliche Verfasstheit kann mit den Ansprüchen einer auf Innovationen bauenden Gesellschaft längst nicht mehr mithalten. Hören wir daher auf mit der alten Leier der österreichischen Reformdebatte und dem Gejammere, dass bei der Bildung, im Pensionssystem oder in der öffentlichen Verwaltung nichts oder zu wenig weitergeht. Reformieren lassen sich nämlich ohnedies nur Systeme, die in ihrem Kern gesund sind. Wir müssen bereit sein, unsere öffentlichen Systeme auf den Prüfstand zu stellen und sie, wo notwendig, auch neu zu denken.

- Franz Fischler, ehemaliger EU-Landwirtschaftskommissar, ist jetzt Präsident des Europäischen Forum Alpbach