Hilf dir selbst, so muss Gott dir nicht helfen

Hilf dir selbst, so muss Gott dir nicht helfen

Der Jobmarkt steht erst am Beginn eines gewaltigen Umbruchs. Traditionelle Berufsbilder des 20. Jahrhunderts – zum Beispiel der Journalist, der Bankbeamte, der Briefträger – unterliegen einem tief greifenden Wandel.

Journalisten erleben zurzeit, dass die bisherigen Geschäftsmodelle vieler Medien nicht mehr tragfähig sind und geändert werden müssen – siehe das ehrwürdige US-Magazin „Newsweek“, das nur noch im Internet erscheint. Weitere werden folgen. Bankmitarbeiter verlieren ihren Job, weil Computersoftware ihre Arbeit übernommen hat. Verkaufspersonal in Handelsketten wird reduziert, weil die Kunden die Ware online bestellen. Europäische Massenhersteller von Automobilen – und mit ihnen die Beschäftigten österreichischer Zulieferer – stöhnen unter der Konkurrenz von Produktionsstätten in Ländern mit niedrigeren Löhnen.

Der Jobmarkt steht erst am Beginn eines gewaltigen Umbruchs. Traditionelle Berufsbilder des 20. Jahrhunderts – zum Beispiel der Journalist, der Bankbeamte, der Briefträger – unterliegen einem tief greifenden Wandel. Und es ist unschwer vorauszusehen, dass nur in geringem Ausmaß neue, ähnlich klar definierte Tätigkeitsprofile entstehen werden. Stattdessen steigt die Notwendigkeit, sich flexibel auf die Nachfrage nach Arbeit einzustellen. Der Anteil selbstständiger Tätigkeit wird zunehmen. Einen Vorgeschmack darauf gibt die in Österreich schon auf 240.000 gestiegene Zahl an Einpersonenunternehmen. In den zukunftsweisenden Informations- und Kommunikationstechnologien sind besonders viele Leute außerhalb des traditionellen Angestelltenverhältnisses unterwegs.

Man kann diese Entwicklung beklagen wie die Gewerkschaften oder sie sogar als Chance für größere Entfaltungsmöglichkeiten im Beruf sehen: Der Blickwinkel ändert nichts daran, dass Österreich (und Europa) gar keine Alternative hat, als den Unternehmergeist zu schärfen, soll der Arbeitsmarkt nicht irgendwann unter den Folgen von Digitalisierung und Globalisierung kollabieren. Das heißt ja nicht, dass jeder Schulabgänger einen Großkonzern gründen muss. Es reicht, das Bewusstsein zu wecken, dass Arbeit (sogar unselbstständige) im Prinzip ein selbstverantwortlich betriebener Verkauf eigener Leistungen ist – und nicht primär eine Agenda öffentlicher Zuteilung. Dann wird die Lust automatisch steigen, Ideen einmal auf eigene Faust umzusetzen oder es mit etwas weniger Risiko als Franchisenehmer zu versuchen. Eine Möglichkeit, die der trend in seiner aktuellen Coverstory analysiert hat.

Die Politik täte sich selbst einen Gefallen, vor allem aber ihren jüngeren Wählern, die noch nicht fest im Arbeitsmarkt integriert sind, würde sie positive Stimmung für den Weg in die Selbstständigkeit verbreiten. Und Institutionen wie die Arbeiterkammer werden die Rechnung präsentiert bekommen, dass sie Unternehmer als reiche Ungustln brandmarken, die schuld sind an der zunehmenden Armutsgefährdung. Es gibt exakt eine Chance, unser Wohlstandsniveau zu halten: mehr Menschen, die Spaß am unternehmerischen Risiko finden – gleich, ob nur für sich, für zehn oder für 1000 Mitarbeiter.

Leider widerspricht das dem Selbstverständnis des Politikers, der seine Existenzberechtigung davon ableitet, vom Volk als Wohltäter wahrgenommen zu werden; weshalb er am liebsten die Versorgungsmentalität fördert. Ganz besonders in Vorwahlzeiten: Die fragwürdige Erhöhung der Pendlerpauschale wurde soeben ohne Diskussionen beschlossen. Die – etwa gleich teure – Einführung der Ganztagsschule, die den Kindern ein besseres Rüstzeug für die Veränderungen in der Berufswelt mitgeben könnte, wird seit 15 Jahren zerredet.

Noch absurder ist die Forderung der Wiener Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou nach einer gesetzlichen Mietzinsobergrenze. In einer Stadt, in der 60 Prozent der Bevölkerung in Gemeinde- oder Genossenschaftswohnungen leben und keine zehn Prozent der Mieten frei vereinbart werden dürfen, soll der mickrige Rest von Marktwirtschaft auch noch eliminiert werden. Motto: Unglücklich macht, was nicht der Staat in die Hand nimmt. Wenn in Wien günstige Wohnungen fehlen, dann vor allem, weil private Investoren aus dem Segment leistbarer Neubauten praktisch ausgeschlossen wurden – was offenbar so bleiben soll, wenn der Chef der SPÖ-nahen Mietervereinigung meint, „dass wir die Spekulanten eh nicht brauchen“. Und weil eine Menge Leute, die in Altbauten residieren, durch den staatlichen Eingriff extrem billige Richtzins-Mieten haben, weswegen bei Neuvermietungen zugelangt wird, um eine annehmbare Durchschnittsrendite zu erzielen. Die Zeche für die mit staatlicher Unterstützung Versorgten zahlen die Jungen, so wie bei den Pensionen und so wie am Arbeitsmarkt. Das Mindeste wäre, diese Generationen wenigstens mit einem Schuss Optimismus zu versorgen, dass es einen echten Wert hat, sich selbst helfen zu müssen. Zum Beispiel, indem man sein eigenes Geschäft gründet.

- Andreas Lampl

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