Herbert Hacker über Walter Eselböck, den Guttenberg der Küche

Seit vergangene Woche ruchbar wurde, dass der bekannte Vier-Hauben-Koch Walter Eselböck aus dem Burgenland von Kollegen in Stockholm ein ganzes Konzept abgekupfert haben soll, brodelt es in der Welt der feinen Gaumen.

Köche, Wirte und Feinschmecker sind in Aufruhr, ausgerechnet kurz nach dem Fall Guttenberg ereilt einen österreichischen Kreativkoch der Vorwurf, er habe sich bei anderen bedient und für fremde Ideen feiern lassen. Daraus ist eine heftige Diskussion entbrannt. Gilt in diesem Fall: „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“? Oder handelt es sich tatsächlich um einen peinlichen Plagiatsfall? Wo ist die Grenze zwischen Inspiration und geistigem Diebstahl?

Kurz die Vorgeschichte: Der „Standard“-Gourmetjournalist Severin Corti reiste nach Stockholm und besuchte dort einige Restaurants. Darunter auch das Frantzén/Lindeberg. Was er dort vorgesetzt bekam: etwa einen mit silberfarbenem Wachs versiegelten Brief mit der auf Englisch geschriebenen Philosophie des Hauses statt einer Speisekarte. Oder einen ungebackenen Brotteig, der zu Tisch gebracht und anschließend als fertig gebackenes Brot serviert wurde. Weiters ein Gericht mit einem blankpolierten Knochen und einer eingearbeiteten Metallplatte und Mark darin. All das, so Corti, wurde ihm später im Taubenkobel in Schützen völlig ident zum zweiten Mal kredenzt. Mit Brief und Siegel, nur der Text wurde ins Deutsche übersetzt. Corti: „Ich traute meinen Augen nicht. Nicht nur die Art der Küche, sondern auch viele Details wurden eins zu eins von den Schweden abgekupfert.“

Für den Journalisten ein gefundenes Fressen, für Walter Eselböck eine mittlere Katastrophe. Der ertappte Burgenländer, der noch kurz davor in einer anderen Tageszeitung für sein „neues Konzept“ gefeiert worden war, versandte gleich nach Erscheinen des Artikels eine etwas umständlich verfasste Rechtfertigung. Ja, er sei in dem besagten Restaurant in Stockholm gewesen und hätte dort „einen wunderbaren Abend verbracht“. Auch die Sache mit dem Brief sei richtig, denn „die Form, wie die Freunde aus Stockholm das taten, war perfekt. Wir haben es genauso gemacht, weil es nichts zu verbessern gab.“ Nachsatz: „Der Inhalt aber war Taubenkobel.“

Blöd gelaufen, denn „die Freunde aus Stockholm“, die inzwischen von der Sache Wind bekommen haben, sind ziemlich sauer. „Wenn, wie in diesem Fall, unser Konzept einfach übernommen und als Eigenleistung verkauft wird, dann ist das schon betrüblich, irgendwie ein Armutszeugnis“, sagt Daniel Lindeberg und fügt hinzu: „Wer die Leistung eines anderen verwendet, ohne dessen Namen zu nennen, der zitiert nicht, sondern imitiert.“

Für Eselböck doppelt unangenehm. Sieht er sich doch als kochenden „Avantgardisten“, als einen, der den anderen – kraft seiner Ideen – immer um eine Kochlöffellänge voraus ist; als einen, der das Kochen zur „Kunstform“ erhoben hat. So jemand darf nicht einmal einen Brotkrümel abkupfern. „Ich halte Eselböck für einen der kreativsten Köche des Landes“, sagt Heinz Reitbauer junior vom Steirereck, „was uns betrifft, sind wir aber um größtmögliche Eigenständigkeit bemüht. Darauf legen wir Wert.“ Sein ganz persönliches „Stockholm-Syndrom“ wird Eselböck vermutlich so schnell nicht mehr los. Dabei hätte er die Schweden nur vollständig kopieren müssen. Die haben nämlich auch ein Gericht im Programm, das nicht von ihnen, sondern von Michel Bras aus Frankreich stammt. Im Unterschied zu Eselböck aber schreiben Frantzén/Lindeberg die Quellenangabe auf der Karte dazu.

- Herbert Hacker

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