Herbert Hacker über das Ende des gedruckten 'Michelin Guides'

Es ist eine Nachricht, die den Franzosen nur wenig schmecken dürfte: Am Samstag der Vorwoche meldete „Le Monde“, dass der Restaurantführer „Michelin“ mit stark sinkenden Verkaufszahlen und Umsatzeinbußen zu kämpfen habe. Die Folge: Die gedruckte Version des dicken, roten Restaurantguides stehe vor dem Aus, deshalb wolle man sämtliche Aktivitäten künftig ins Internet verlegen.

Wie bitte? Der bekannteste Restaurantführer der Welt soll im Mutterland der großen Küche künftig nur noch im Internet erscheinen? Nach einer immerhin 100-jährigen Geschichte. Das klingt, als wolle man den Eiffelturm um die Hälfte kleiner machen. Es kommt aber noch dicker: Künftig sollen nicht mehr nur die gefürchteten Inspektoren die Leistungen der Köche bewerten, sondern auch die User im Netz. Sie sind es dann, die mitbestimmen, ob ein Koch in den Sterne-Himmel aufgenommen wird oder nicht.

Ein Schlag in die Magengrube. „Somit ist das letzte allgemein anerkannte, autoritäre Bewertungssystem der französischen Kultur bedroht“, schreibt etwa die deutsche „FAZ“ nicht ohne Häme und stellt gleich die Frage: „Vergeben bald ketchupliebende Flegel die begehrten Sterne?“ Bei „Michelin“ will man das alles offiziell nicht bestätigen, man dementiert aber auch nicht. Stimmt es, was „Le Monde“ herausgefunden haben will, dann bedient sich „Michelin“ künftig des Systems der Gästebewertung, wie es der erfolgreiche amerikanische Restaurantführer „Zagat“ schon lange macht – oder in Österreich der „Falstaff“-Guide. Also keine „Profitester“ mehr, sondern „Amateure“.

Doch was sind eigentlich „professionelle Restauranttester“? Gibt es die überhaupt? Kann man diesen Beruf erlernen, gibt es dafür eine Ausbildung oder gar ein Studium wie für einen Arzt oder Rechtsanwalt?

Nein, natürlich nicht. Zwar versicherte „Michelin“ immer wieder, seine anonymen Inspektoren seien gelernte Köche, doch überprüft hat das niemand. In Österreich sind die Tester der Restaurantführer „Gault Millau“ und „A la Carte“ jedenfalls ganz sicher keine Köche, sondern Menschen, die vorgeben, vom Essen etwas zu verstehen, weil sie oft in Restaurants unterwegs sind. Die also eigentlich auch „nur“ Gäste sind. Das mit den „Profitestern“ ist also eine Mär, die sich hartnäckig hält.

- Herbert Hacker

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