Hat Deutschland Angst vor zweitem Cordoba?

Hat Deutschland Angst vor zweitem Cordoba?

Deutscher Ex-Nationalspieler mit Faible für Österreich analysiert für format.at das brisante Match Deutschland gegen Griechenland.

Eines vorweg: Das politische Theater ist heute abend kein großes Thema. Man ist als Fußballer so fokussiert auf seinen Job, auf die Leistung, da blendet man das aus. Und überhaupt in dieser wichtigen Phase der Euro.

Natürlich werde ich in diesen Tagen ständig gefragt: „Werden uns die Griechen Ärger machen?“ Ich bin nicht das Orakel von Delphi, aber so viel kann ich versprechen: Sie werden unsere Mannschaft nicht zum Tag der offenen Tür einladen. Die Mannschaft von Trainer Fernando Santos hat das Viertelfinale erreicht. Das ist mehr, als ihr die meisten zugetraut haben. Von jetzt an hat sie nichts mehr zu verlieren. Und genau das macht sie so gefährlich. Es ist unbestritten so, dass die deutsche Elf über die größeren Einzelkönner verfügt und insgesamt über mehr Qualität. Aber, Vorsicht! Nicht immer läuft so ein Duell nach Plan.

Die Griechen werden sich wehren – mit allen Mitteln und bis an die Grenze der Legalität. Ihr südländisches Temperament weckt in ihnen in solch großen Spielen fast übermenschliche Kräfte. Ihre Augen werden glühen vor Leidenschaft. Deshalb wird Joachim Löw seiner Elf noch einmal einbläuen: Männer, lasst euch bloß nicht provozieren! Plötzlich sieht ein Spieler die Rote Karte oder du kassierst einen unglücklichen Elfmeter.

Das Syndrom von 1978

Dann droht der Mannschaft das Cordoba-Syndrom. Das kann tödlich enden. Es war 1978 bei der Weltmeisterschaft in Argentinien. Mit einem 3:3 hätten wir um den dritten Platz gespielt. Doch plötzlich führte Österreich mit 2:1. Es kam Unruhe in der Mannschaft auf, wir meckerten uns an. Und unser Stürmer Rüdiger Abramczik zischte in meine Richtung: „Spiel mich an, du Scheißer!“ Da lagen die Nerven schon blank. Mit jedem Fehlpass, jedem verlorenem Zweikampf und jeder versiebten Chance wächst in solchen Situationen die Unsicherheit. Und der Gegner gewinnt umgekehrt proportional an Selbstvertrauen. Österreich siegte 3:2. Wir fuhren nach Hause. Die Schmach hängt uns irgendwie bis heute in den Kleidern.

Deshalb ist gesunder Respekt vor den Griechen kein Fehler. Und wenn sich dann unsere Elf noch mehr bewegt als gegen Portugal, wenn sie das Direktspiel sucht und in die entstehenden Lücken stößt, dann bin ich sicher, dass die Tore fallen werden.

Apropos Cordoba: Das ist und bleibt weiter aktuell. Österreich ist ja für mich eine zweite Heimat. Wenn ich in Tirol beim Skifahren bin und in einer Hütte ausnahmsweise mal nicht auf Cordoba angesprochen werde, fühlt sich das komisch an….

Hansi Müller ist einer der bekanntesten deutschen Fußballspieler. Der Stuttgarter brachte es auf 42 Länderspiele und fünf Tore. Nach Stationen beim VfB Stuttgart, Inter Mailand und Calcio Como spielte er von 1985 bis 1990 bei Swarovski Tirol, wo er unter Trainer Ernst Happel zweimal Meister wurde. Heute ist Hanis Müller Mitglied des Aufsichtsrats des VfB Stuttgart.

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