Hans Magenschab: Wie viele gute Journalisten braucht Österreich?

Den Überbringer schlechter Nachrichten zu köpfen war offenbar in der Antike nichts Unübliches; sonst hätte ­Sophokles diese Barbarei nicht ausdrücklich verurteilt. Heute überbringen die Brüssel-Korrespondenten und TV-Moderatoren den EU-Bürgern permanent schlechte Nachrichten.

Ihr Job besteht aber nicht nur in der Weitergabe und Interpretation von ökonomischen Grauslichkeiten, sondern auch in der Übersetzung von Wirtschafts- und EU-Fachchinesisch in die Alltagssprache; demokratiepolitisch eine unverzichtbare Funktion.

Hat also Österreich dafür erstens genug und zweitens ge­nügend gute Journalisten? 

Nun ist die mutige Wissenschaftsminis­terin Beatrix Karl nicht nur an mehreren wichtigen schulpolitischen und universitären Fronten engagiert (Stichwort „Gesamtschule“), sondern hat im Ministerrat auch einen Gesetzesentwurf zwecks Zähmung eines auf uns zukommenden Tsunamis eingebracht – nämlich der Journalistenflut. Nach Jahrzehnten permanenten Wachstums steigt die Zahl der Publizistikstudenten Besorgnis erregend. Aber noch schneller wächst die Zahl der Möchtegerne und Selbsternannten, der Studienabbrecher und sozialen Absteiger. Viele sind „Berater“ in Mediensachen bei sich selbst und haben ihre Küchen als Schreibtische steuerlich längst abgesetzt. Ungezählte PR-Büros arbeiten gagenfrei im Alleingang.

Unfaires "Knock-out"

Daher muss man leider vorhersagen, dass für viele von ihnen ein Gewinn bei „6 aus 45“ wahrscheinlicher ist als der Einstieg in den – in Österreich winzigen – Journalistenmarkt. Da auch noch ein ständiger Studentenzustrom aus Deutschland erfolgt, will Ministerin Karl in Wien, Klagenfurt und Salzburg die Zulassung der Uni-Publizistikstudenten im nächsten Wintersemes­ter um rund 40 Prozent reduzieren – von 2.348 auf 1.529. Die Hochschülerschaft spricht von unfairem „Knock-out“. Das Problem hinter dem Problem freilich greift niemand an: Gibt es doch außer den drei Uni-Instituten mittlerweile zahllose andere Lehrstätten für Kommunikationswissenschaft, Medienwirtschaft, Medieninformatik etc. Und seit ein paar Jahren exis­tieren Fachhochschulen, die vollmundig den „optimalen Einstieg in den hochwertigen Qualitätsjournalismus“ anpreisen sowie akademische Titel vergeben.

Eine Jobgarantie ist natürlich nicht möglich; aber man punktet mit dem Argument, dass das FH-Studium „praxisnäher“ sei. Ist es auch: Das Redigieren von Leserbriefen ist allemal nützlicher als die Abfassung einer ­Dissertation über die letzten Seufzer der „AZ“ vor 21 Jahren.
Nun ist Österreich ein politisches Land, und so haben bereits 1978 die Sozialpartner ein „Kuratorium für Journalistenausbildung“ begründet. Es bietet einen „Master-Studiengang“, der nach vier Se­mestern den Weg in eine Redaktion verspricht. Aber diese Hoffnung hat sich leider noch nicht bis in die Geschäftsführungen der Verlage herumgesprochen, etwa auch nicht das Angebot der Ausbildung zum „Sportjournalisten“.

Ezzes von Schneckerl Prohaska und Armin Assinger? Weiters gibt es in Krems die Donau-Universität, die ebenfalls ein umfängliches Post-Graduate-Journalisten-Angebot im Prospekt hat; in anderen Bundesländern gibt es theoriebelastete „Journalismus-Kurse“. Nur die Katholische Medienakademie predigt „Praxis, Praxis, und noch einmal Praxis“. Nun kommt zum österreichischen Wirrwarr plus abenteuerlichen Kosten auch noch Druck aus dem Ausland. Die alt­eingesessene Webster-Privatuniversität bietet in Österreich ebenso Journalistenausbildung an wie die bayerische Macromedia.

Und darum die Meinung eines Altgedienten: Bitte Lotto spielen!

Denn Zeitungsherausgeber, Chefredakteure und Personalchefs sagen mehrheitlich, das Hauptproblem vieler Maturanten – ohne deren Schuld – sei mangelndes Sprachgefühl, unterentwickelter Sprachschatz, kümmerliche Ausdrucksfähigkeit, ja unzulängliche Grammatik. Dazu kommt, dass Redaktionen Spezialisten suchen: Innenpolitiker sollten eine Ahnung von der Verfassung haben, Wirtschaftsredakteure Bilanzen lesen können, Kultur­redakteure Brahms von Mahler unterscheiden können usw.* ­

Daher ist naheliegend, dass derzeit die führenden Journalisten Österreichs alles Mögliche sind – Juristen, Wirtschaftsuni-Absolventen, Germanisten, Politologen – nur keine Publizisten. Noch mehr: Eine ganze Riege aus der ersten Reihe hat überhaupt kein abgeschlossenes akademisches Studium. Umso verblüffter darf man sein, wenn man von der Idee der Gemeinde Wien erfährt, das Problem arbeitsloser Akademiker in den Griff zu ­bekommen. Wodurch? Erraten: durch die Einrichtung einer neuen Wiener Journalistenschule. Der Steuerzahler darf die Sache mit 6,4 Millionen Euro finanzieren. Der SP-Antrag, der demnächst in den Gemeinderat kommen soll, lautet: „Zur Verstärkung des inhaltlichen Medienportfolios der Wien Holding soll nach konzeptionellen Vorarbeiten ein tägliches Informationssendeformat mit besonders auf die Aktivitäten in Wien abzielenden Inhalten erstellt werden.“ Ist das die präzise journalistische Sprache der Zukunft? Na also.

* Der Autor weiß, wovon er schreibt. Er war Chefredakteur von „Furche“ und „Wochenpresse“, Leiter desNÖ-„Kurier“, Autor zahlreicher ORF-Dokumentation, Buchautor, Pressechef von NEWAG-NIOGAS und Sprecher von Bundespräsident Thomas Klestil.

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