Hans Magenschab: Hinter Grafs Provokation
steckt Strategie - Republik in Geiselhaft!

Erfahrene Zeitungsleser wissen, dass im heißen Hochsommer das Ungeheuer von Loch Ness verlässlich auftaucht. Das schottische Fabeltier erspart den Zeitungen Recherchen und füllt Druckzeilen. Nun kommt heuer nichts aus Loch Ness – denn von der Wirtschaftskrise über die AUA-Schenkung bis zur Schweinegrippe gibt es andere Themen von gehöriger Brisanz. Weil wir aber dennoch nicht genug Zores haben, schaffen uns erprobte Oppositionspolitiker solche zusätzlich an den Hals: Italien soll wissen, wie patriotisch die Österreicher sind – meinte wohl der Dritte Nationalratspräsident; und trat im Couleur seiner Burschenschaft ins Fettnäpfchen.

Nun wäre das Ganze ein patscherter Alleingang von Martin Graf, hätte es da nicht schon zu Christi Himmelfahrt ein obskures Communiqué aus dem schönen Tiroler Ort Waidring gegeben, das von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, dem Europaabgeordneten Andreas Mölzer, dem Südtirol-Sprecher der FPÖ im Nationalrat, Werner Neubauer, und auch von Martin Graf unterzeichnet war – also von den wirklich maßgeblichen freiheitlichen Granden. Thema: im Tiroler Gedenkjahr an 1809 das Selbstbestimmungsrecht für Südtirol.

Allerdings: Jetzt dergleichen zu betreiben heißt mit dem Feuer zu spielen. Denn Grenzveränderungen auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts sind zwar in der UNO-Charta vorgesehen, in Wahrheit aber für die Europäische Union ein Tabuthema. Die EU ist ja begründet worden, um die jahrhundertelangen Grenzstreitereien ein für alle Mal überflüssig zu machen. Zündelt man aber, so die FPÖ-Rechnung, richtig, dann müssten wohl das offizielle Tirol und die ganze Republik in Geiselhaft kommen – und automatisch zum europäischen Paria werden.

Und das ist nach dem Waidring-Papier die stufenweise FPÖ-Strategie: Erstes Ziel des alltirolerischen Gedenkjahres 2009 soll die politische Heiligsprechung des Sandwirts sein, dessen „Geradlinigkeit, Tapferkeit und Liebe zur Tradition“ auch heute vorbildlich sind; kein Wort darüber, dass Andreas Hofer gewaltbereit, bigott, rachsüchtig, allzu oft betrunken und naiv war. (Hans Magenschab ist unter anderem Autor der Biografie „Andreas Hofer, Held und Rebell der Alpen“.) Zweite FP-Forderung: Österreich müsse seine „Schutzfunktion“ gegenüber den deutschen und ladinischen Südtirolern in der eigenen – der österreichischen – Bundesverfassung verankern. Zugleich will die FPÖ die Doppelstaatsbürgerschaft für Deutsche und Ladiner anstreben. Ob auch Italiener aus Alto Adige davon profitieren können, hat man in Waidring nicht überlegt.

Drittens: Die blaue Parteiführung will eigenständige Gespräche mit allen italienischen Parteien führen; aber künftig nur noch mit jenen Bündnisse eingehen, die das Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler anerkennen. Da wird höchstens die Lega Nord übrig bleiben. Weiters will die FPÖ das Schleifen des faschistischen „Siegesdenkmals“ in Bozen betreiben, ebenso die Entfernung der Beinhäuser und der Mussolini- Reliefs – wie auch des „ Kapuziner-Wastls“ in Bruneck. Fünftens müssen die italianisierten Ortsnamen regermanisiert – und dann diese Ortstafeln entfernt werden. Zuletzt: Der „Schutz der Heimat und der Identität des Tiroler Volkes gegen innere und äußere Feinde“ bedeutet die uneingeschränkte Unterstützung des Tiroler Schützenwesens von Nord, Süd und Ost. Das erinnert unweigerlich an die Ereignisse vor 50 Jahren, als man zuerst Andreas Hofer und seine Schützen bejubelte und dann – genau: am Herz-Jesu-Tag 1961 – Feuer auf den Bergen entzündete. Im Süden gab es Tote und Schwerverletzte durch die „Bumser“ – im Norden eine Allianz aus Schützen, Burschenschaftern, FPÖ-Jugend, Neonazis und auch echten Tiroler Patrioten.

Nun sind die Sprenggranaten im heurigen Gedenkjahr in den Emotionen gut verpackt; aber statt zu beruhigen, hat das offizielle Tirol bereits im Frühjahr eine gigantische patriotische Maschine angeworfen. Wer am 20. September beim Festumzug in Innsbruck dabei sein will, der kann auch schon jetzt via Internet um 22,50 Euro einen Sitzplatz erwerben. Wieder wird die Südtiroler „Dornenkrone“ durch die Stadt getragen und x-mal „Zu Mantua in Banden“ gesungen werden; eine einmalige Chance für Wichtigtuer, Provokateure – und Geheimdienste. Jede Wette, dass sich vor allem die italienischen einschalten werden? Aber es gibt dennoch einen gravierenden Unterschied zu den bombigen 60er- Jahren: Die Staatsgrenzen sind verschwunden, am Brenner finden keine Kontrollen statt, die Volkswirtschaften in der EU sind untrennbar verflochten. Und österreichische wie italienische Diplomaten preisen das Südtiroler Autonomiestatut als Vorbild zur Lösung von Minderheitenproblemen weltweit.

Aber da ist noch etwas! Die Südtiroler leben nicht mehr in einem alpinen Armenhaus. Sie haben so gut wie keine Arbeitslosigkeit und stehen mit mehr als 31.000 Euro BIP pro Kopf (laut Eurostat in Brüssel) an der Einkommensspitze aller Regionen zwischen Dolomiten und Ätna. Oder anders: Die Südtiroler sind die reichsten Italiener …


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