Hans Magenschab: Alpe Adria aufräumen,
ausmisten und Ortstafel-Ärgernis beseitigen!

Sie haben gesiegt und verloren, die Österreicher am Berg Isel. Die Rede ist nicht von der Vierschanzentournee, sondern vom Geschehen vor 200 Jahren, als Bayern und Tiroler übereinander herfielen, stellvertretend für Napoleon und das Haus Habsburg. Ein einjähriger blutiger Alpenkrieg folgte, an dessen Ende die Füsilierung des Tiroler Anführers Andreas Hofer stand. Hintergrund der Aversion: Die Bayern sorgten sich Jahrhunderte hindurch traumatisch darum, vom Süden wie Osten her eingekreist zu werden. Die Österreicher wiederum unterstellten den artverwandten Nachbarn, ihnen die Alpenpässe entreißen zu wollen – sowie mit rebellischen Ostvölkern im Rücken Österreichs zu kollaborieren, allen voran mit den Ungarn. Noch etwas spielte im Verhältnis von Bayern und Österreichern eine Rolle: Die Sehnsucht aller Mitteleuropäer nach dem Meer. Speziell die Bayern blickten mit Neid auf den österreichischen Zug Richtung Adria: Das Kronland Kärnten war seit dem 15. Jahrhundert habsburgisch.

In der Folge waren Bayern und Österreicher zeitweilig verbündet, dann zerstritten; mal Todfeinde, dann Partner. Und auch wenn sie einander so ähnlich waren – Sympathie entstand kaum. So mussten die Bayern mehrmals die Plünderungen durchmarschierender österreichischer Heere ertragen. Mit zumeist französischer Waffenhilfe fielen die „Boarischen Faken“ dann ihrerseits in Österreich ein. Schließlich kämpften Bayern und Österreicher 1866 in Königgrätz Schulter an Schulter gegen die Preußen – um im 20. Jahrhundert zuzusehen, wie von Bayern aus der Einmarsch der Hitlerwehrmacht in die „Ostmark“ organisiert wurde. Dafür wurden die Bayern nach 1945 aber keineswegs bestraft. Vielmehr setzten sie 1946 ihren Wunsch durch, in der deutschen Republik nicht als simples Bundesland aufzutreten, sondern als „Freistaat“. Das Ganze war eine Spitze gegen die „Preißn“ ohne wirkliche verfassungspolitische Bedeutung, aber die echten Bajuwarenherzen schlugen dennoch schneller. Man schuftete eifrig und tüchtig für Laptop und Lederhose – und ärgerte mittels einer tief katholischen CSU die Nordlichter in Bonn und Berlin.

Für Österreich war Bayern mittlerweile zum wichtigsten Außenhandelspartner geworden. Wenn auch München und Wien keine Achse bildeten, Anlässe für Amouren gab es genug. Als schließlich der Eiserne Vorhang 1989 hochging, richtete Bayerns politische Elite ihre Aufmerksamkeit wieder auf das südliche Osteuropa und den Balkan. Warum sollte das mächtige Bayern nicht auch ein Stück näher zur Adria rücken? Und das mithilfe der „Elite“ eines österreichischen Bundeslandes?

Also beschloss die mächtige großbayrische Politik- & Wirtschafts- AG, ihre Chance zu nützen: München kaufte sich bei jener Kärntner Bank ein, die den hochpolitischen Begriff „Alpe Adria“ im Namen führte – und damit auch ein ideologisches Programm verfolgte. In dieser Zeit veröffentlichte das „Weißbuch des Kärntner Tourismus“ eine interessante Studie. Demnach war der Begriff „Kärnten“ lediglich 35 Prozent der ehemaligen DDR-Bürger bekannt, bei Berlinern 50 – bei den Bayern aber 62. Zugleich bekräftigten 38 von 100 Bayern, dass „in Kärnten immer was los ist“. Also resümierten die Experten, dass die Bayern mit dem Begriff „Kärnten“ südliche Lebensfreude verbinden, so etwas wie ein „österreichisches Italien“. Tatsächlich gefiel den Bayern der Villacher Fasching seit jeher ausnehmend gut, als unverwechselbare Gaudi; dazu kam die Beachtung, die Kärntner Seitenblicker an der Isar genossen, wenn sie Otto Retzer oder Max Schautzer heißen. Dazwischen trällerten Ikonen des deutschen Show-Gewerbes an Kärntner Seen: Uschi Glas, Udo Jürgens, Peter Kraus luden zum „Urlaub unter Freunden“ – so der Tourismus-Slogan Kärntens. Freilich: Dass es auch ein anderes Kärnten gab, wurde verdrängt – besitzen immerhin Peter Turrini und Peter Handke, Werner Schneyder und Paulus Manker gleichfalls Kärntner Heimatrecht – allerdings als Nestbeschmutzer.

Was wiederum die Manager der Hypo Alpe Adria und ihre Freunde in der Münchner Staatskanzlei nicht störte. Man zelebrierte bajuwarisch-carinthische Fraternité und betrieb eine großzügige Bruderschaft der Kassen-Plünderung zwischen Nürnberg und Zagreb. Die Münchner Sicht: Jörg Haider passte wie ein Sektkorken in die weiß-blaue Sektflasche. Dieser wiederum sagte nach einem Treffen mit dem bayrischen Ministerpräsidenten: „Der Stoiber kennt mich – und sich.“

Umso mehr sollte jetzt die zwangsverstaatlichte Alpe-Adria- Bank Objekt eines Deals werden, der für Rest-Österreich ein wenig die internationale Reputation wiederherstellen würde – die Lösung der Kärntner Ortstafelfrage. Wenn schon die Steuerzahler sowohl im Freistaat Bayern wie in der Republik Österreich für das politische Missmanagement zahlen müssen, dann mit der Auflage der Erfüllung des einschlägigen Verfassungsgerichtsurteils. Die ungelöste Südkärntner Ortstafelfrage darf nicht jenes Ärgernis bleiben, das ganz Österreich auf Dauer beschädigt.

Kanzler und Vizekanzler werden daher dringend aufgefordert, jetzt den Kärntner Honoratioren eines klarzumachen: Es wird kein Cent für die Erfüllung von Kärntner Landeswünschen über die Pack fließen und kein Euro für die Sanierung der republikeigenen Hypobank, solange nicht die Ortstafelfrage mit Zustimmung der Kärntner Slowenen erledigt ist.

redaktion@format.at

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