Hannes, ach Hannes

Margaret Thatcher, Maria Fekter und Hannes Androsch: Zum 75er des sozialdemokratischen Wunderknaben ein kleiner Exkurs.

Hannes, ach Hannes

Lech am Arlberg, Mitte März, Nachmittag. Es stürmt und schneit. Hannes Androsch kehrt vom Skifahren ins Hotel zurück. Zum 42. Mal ist er in diesem kleinen, feinen Haus mit Blick über das schönste Skidorf der Welt. Neben dem Eingang, am „Stammtisch“, sitzt ein Vater mit halbwüchsiger Tochter. Er: „Jö, Herr Doktor Androsch, geh, könnten Sie meiner Tochter den Salzburger Finanzskandal erklären?“

Der, außer Atem, verschwitzt, nimmt in voller Skimontur bei den Unbekannten Platz. Und hebt unverzüglich an: „Also, schauen Sie, das kommt heraus, wenn sich Dummheit mit Unwissenheit paart.“

Eine halbe Stunde später redet Doktor Androsch noch immer. Den schicken schwarzen Anorak nach wie vor an, Salzburg abgehakt, geht es jetzt um die großen Fische. Wall Street, CDO’s und all das Gift. Die junge Dame staunt, der Papi auch.

Ja, Hannes Androsch ist auch mit 75 Großmeister der Kommunikation. Keiner kann komplizierte Zusammenhänge vermitteln wie er. Diesen Donnerstag feiert der Ex-Vizekanzler und Finanzminister Geburtstag. Nach einem Dreivierteljahrhundert prallen Lebens steht der Mann weiter voll im Saft.

Beim ORF-Talk „Im Zentrum“ zerlegt er in drei Minuten die Debatte um das Bankgeheimnis in alle Einzelteile: Omas Sparbuch sei nicht betroffen, die Finanzministerin isoliere Österreich, die Regierung untergrabe das Vertrauen in die Banken. Punkt. Spiel, Satz, Sieg, Androsch.

Wann und wo immer Hannes Androsch in diesen Jubeltagen auftritt, stets beschleicht einem ein seltsames Gefühl: So könnte Politik auch sein, beziehungsweise ist sie ja auch gewesen. Damals.

Mit Leuten, die Beruf und politisches Handwerk gelernt, ihren Keynes oder Hayek verstanden haben, Weltläufte analysieren können, die sich täglich wie Süchtige die Dosis „Neue Zürcher“ oder „Financial Times“ reinziehen, um am Ball zu bleiben. Leute, die nicht nur auf Zustimmung in den Wahlkreisen Attnang-Puchheim, Mödling oder Liesing schielen. Elitenverfall heißt das, wir kennen das seit langem.

Nun ist Hannes Androsch ohne Frage ein Sonderfall. Drei herausragende politische Begabungen hat es in der Zweiten Republik gegeben, nur eine ist im Amt nicht gescheitert: Bruno Kreisky, der das Land in die Moderne geführt hat.

Jörg Haider, dem Verführer und Demagogen, dem es eine Zeit gelang, von Rechtsaußen in die Mitte der Gesellschaft vorzudringen, blieb die Aufarbeitung seiner korrupten Politik durch Unfalltod erspart. Der Floridsdorfer Androsch war gesegnet mit allen Eigenschaften, die drei Politikergenerationen später Karl Heinz Grasser so gerne gehabt hätte: Nicht nur fesch, auch so richtig g’scheit, langfristig massen- und medientauglich. Aber der Kreisky-Kronprinz scheiterte nicht nur im Machtkampf mit dem Alten, der die Sozialdemokratie fast gespalten hätte. Er scheiterte auch am schnellen Aufstieg in jungen Jahren und der eigenen Hybris.

Eine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung bleibt als Makel samt wahrem Lebenstrauma: Dass Sekretär Franz Vranitzky und nicht er erfolgreicher Kanzler wurde. Beide gehen sich bis heute aus dem Weg. Eine Versöhnung wird es wie auch bei Kreisky und Androsch mutmaßlich erst im Himmel geben.

Doch Androsch hat den Turnaround geschafft. Nicht nur zum schwerreichen Industriellen, auch zum „Citoyen“. Das anerkennen selbst erbitterte Gegner von einst. „Als Experte für eh alles“ mischt er sich wieder ein, wie die „Presse“ einmal süffisant anmerkte. Und privat bewegt er sich mittlerweile außerhalb jeglicher gesellschaftlicher Norm. Ohne Schaden zu nehmen. Kein anderer könnte eine Zweitfamilie in Graz öffentlich so zelebrieren wie er.

Im Gegenteil: Das „Krone“-Doppelinterview mit dem unehelichen Sohn, 15, gerät zur Sympathiewerbung für einen, der schon in alle menschlichen Abgründe geblickt hat.

Heute ist Androsch so populär, dass die SPÖ offenbar überlegt, ihn im Wahlkampf als Wunderwaffe gegen Frank Stronach einzusetzen. Mal sehen, ob es dazu kommt. Denn von den jetzt Regierenden hält er wenig. „Das wird nix mehr“, pflegt er in kleiner Runde schon mal zu sagen. Nur der Europa-Schwenk des Kanzlers ringt ihm gewissen Respekt ab.

Anlässlich von Thatchers Tod und Fekters Bankgeheimnis-Fight ist da und dort die Frage aufgetaucht, ob das verkrustete Österreich nicht eine Eiserne Lady brauchen könnte und ob Fekter das sein könnte. Bei allem Respekt: sicher nicht.

Die Antwort ist eine andere: Österreich würde heute einen unbescholtenen, 20 Jahre jüngeren Androsch brauchen. Einen wirtschaftsaffinen Regierungschef mit gesamthaftem Überblick und einer kraftvollen Vision, etwa beim Zukunftsthema schlechthin, der Bildung.

Wie sagte doch Androsch kürzlich: „Der Verhinderungswille einiger stoppt in Österreich den Gestaltungswillen vieler.“ Das wird wohl noch eine Weile so bleiben.

- Andreas Weber

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