Gastkommentar von Karl Sevelda: "Gestern noch Albtraum, heute ganz normal"

Gastkommentar von Karl Sevelda: "Gestern noch Albtraum, heute ganz normal"

Karl Sevelda, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Bank International

Gastkommentar von Karl Sevelda, dem Vorstandsvorsitzenden der Raiffeisen Bank International: "Banken müssen mit zahlreichen neuen Belastungen fertig werden. Und mit der Bankenabgabe oben drauf wird die Kreditklemme wirklich kommen."

Österreichs Banken stehen vor großen Herausforderungen. Der Regulierungsdruck steigt weiter an, verursacht enorme Kosten und bindet Personalressourcen, die eigentlich zur Kundenbetreuung benötigt würden. Die anhaltend niedrigen Zinsen drücken auf die Erträge.

Hinzu kommt die Veränderung des Kundenverhaltens aufgrund der Digitalisierung. Es wächst eine Kundengeneration heran, die so gut wie nie eine Bankfiliale betritt. Neue Player betreten die Bühne, die mit ihren elektronischen Bezahlmodellen den Banken Konkurrenz machen. Oft werde ich gefragt, wann denn endlich wieder "normale" Zeiten für die Banken anbrechen. Meine Antwort lautet: "Das ist die neue Normalität für die Banken."

Je schneller sich die Banken auf diese neue Normalität einstellen, desto besser. Insbesondere auf der Kostenseite gibt es noch Potenzial. Österreich ist nach wie vor "overbanked". Die Filialdichte ist im europäischen Vergleich sehr hoch. In den kommenden Jahren werden wir Fusionen und Filialschließungen sehen. Im Kapitalmarktgeschäft wird der Trend zur Standardisierung der Produkte zunehmen. Europaweit werden sich Banken aus einzelnen Geschäftsfeldern und Märkten zurückziehen.

Vor allem müssen die Banken sehr schnell Antworten auf die digitale Revolution finden und dafür erhebliche Investitionsmittel bereitstellen. Neue Konkurrenten wie die amerikanischen Technologieriesen sind innovativ und schwimmen im Geld. Die Beschäftigtenzahl im Bankensektor wird zurückgehen, außerdem werden Banken aus Kostengründen ihre Sponsoringaktivitäten einschränken und fokussieren.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: In einer wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft gehört es nun einmal dazu, dass sich Industrien an den technologischen Wandel anpassen und sich neuen Wettbewerbern stellen müssen. Es muss auch möglich sein, dass Banken scheitern, ohne dass die Steuerzahler als Retter einspringen müssen. Es ist deshalb bis zu einem gewissen Grad verständlich, dass die Eigenkapitalanfordernisse an die Banken erhöht werden und das Pendel nun stark in Richtung Regulierung ausschlägt, nachdem es vor der Finanzkrise zu stark in Richtung Deregulierung ausgeschlagen war. Wünschenswert ist allerdings, dass die Behörden bei der Regulierung stärker auf Qualität statt auf Quantität setzen. Bei den Banken türmen sich mittlerweile die für die Aufsicht zu produzierenden Akten. Dass die Stabilität des Bankensystems in einem ähnlichen Ausmaß zunimmt wie die Aktenberge, darf zumindest bezweifelt werden.

Die meisten von mir skizzierten Herausforderungen gelten für alle europäischen Banken. Die österreichischen Institute sind leider mit einem Sonderfaktor konfrontiert: der im europäischen Vergleich geradezu absurd hohen Bankenabgabe. Sie zahlen -zusätzlich zu den normalen Steuern -pro Jahr 640 Millionen Euro Bankenabgabe. Bemessungsgrundlage der Abgabe ist nicht der Gewinn. Es handelt sich um eine reine Substanzsteuer. Im zehnmal größeren Deutschland zahlten die Banken im vergangenen Jahr 520 Millionen Euro. Österreichs Banken werden also nicht nur relativ, sondern sogar im absoluten Vergleich stärker belastet.

In Deutschland fließen die Einnahmen aus der Bankenabgabe in einen Abwicklungsfonds, während sie in Österreich im Budget versickern. Hinzu kommen zusätzliche Belastungen durch Einzahlungen in den neuen europäischen Abwicklungsfonds sowie in den nationalen österreichischen Einlagensicherungsfonds. In Summe kommen in den kommenden Jahren auf die österreichischen Banken Belastungen in Höhe von rund 3,3 Milliarden Euro zu. Man kann von ihnen nicht verlangen, dass sie gleichzeitig die Bankenabgabe zahlen, die Einlagensicherungsfonds speisen, ihr Eigenkapital stärken und die österreichische Wirtschaft großzügig mit Krediten versorgen.

Auch in der neuen Normalität müssen die Banken ihrer Kernaufgabe, nämlich der Kreditvergabe, nachkommen können. Aber sollte die Bankenabgabe nicht abgeschafft werden oder zumindest die zusätzlichen Lasten durch die Sicherungsfonds auf die Bankenabgabe angerechnet werden können, droht im Falle eines Wirtschaftsaufschwungs tatsächlich eine Kreditklemme.

Der Artikel erschien ursprünglich in FORMAT Nr. 37/2014 vom 12. September 2014.
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