Gerechter Lohn? Hübsche Illusion! Gage und Leistung klaffen meist weit auseinander

Über Kulturen und Kontinente hinweg eint die Menschen das Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Auch wenn die jeweilige Ausprägung sehr verschieden sein kann: Das Gefühl, dass Unrecht angemessene Sühne erfordert und Leistung eine faire Gegenleistung, ist tief in uns verankert. Religiöse Menschen sehen darin die göttliche Stimme des Gewisses, Evolutionsbiologen einen Mechanismus, der die Stabilität von Gruppen und dadurch die Überlebenschancen der Spezies Homo sapiens erhöht.

Wer gegen diese Regel dauerhaft, vor allem aber sichtbar verstößt, der wird mit Ausgrenzung und Stigmatisierung bestraft. Genau das passiert derzeit der Berufsgruppe der Banker. Einige von ihnen haben unglaubliche Gagen kassiert, ihr Unternehmen in den Konkurs getrieben und sogar bei ihrem Abgang noch zig Millionen Euro eingestreift. Kein Zweifel: So macht man sich keine Freunde. Und da Differenzieren nicht gerade zu den Stärken der Stammtischrunden zählt, werden sämtliche Manager in einen Topf geworfen und als raffgierige, unfähige Unholde gebrandmarkt. Und da es die Stammtischrunden sind, die letztlich Wahlen entscheiden, war es kein weiter Weg zur Forderung zahlreicher Politiker, gesetzliche Obergrenzen für Managergagen einzuführen.

Doch was auf den ersten Blick vernünftig klingt, dient eher der Befriedigung aktueller Neidgefühle. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass die Bezahlung zur erbrachten Leistung in einer eindeutigen Relation stehen muss. Schließlich, so wird uns gerade in den westlichen Industriestaaten suggeriert, leben wir in einer Leistungsgesellschaft. Das ist aber bei näherer Betrachtung kaum der Fall. Gage und erbrachte Arbeit klaffen meist weit auseinander. Manchmal dringt das deutlicher in unser Bewusstsein – etwa wenn Statistiken nachweisen, dass Frauen nach wie vor etwa 20 Prozent weniger Geld für den gleichen Job bekommen –, manchmal weniger deutlich, etwa wenn ein chinesischer Bergarbeiter für einen Tag schwerer körperlicher Arbeit zwei US-Dollar bekommt, sein nordamerikanischer Kollege dagegen 280 Dollar.

Gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu fordern gerät völlig zur Farce, wenn wir uns den Spitzenverdienern aus dem Sport- oder Showgeschäft zuwenden. Im September 2007 erhielt der Golfer Tiger Woods für den Sieg auf der Profi-Tour mit zehn Millionen Dollar das bislang höchste Preisgeld, das je bei einer Sportveranstaltung ausgeschüttet wurde. Seine Jahresgage wird in der „Forbes“-Liste mit etwa 80 Millionen Dollar geführt. Und wofür? Dafür, dass er durch eine hübsche Parklandschaft spaziert und einen kleinen weißen Ball möglichst effizient in ein Loch im Rasen befördert. Kann man bei Tiger Woods wenigstens noch verteidigend erwähnen, dass er täglich viele Stunden trainieren muss, um diese Fertigkeit zu perfektionieren, so bekommt Heidi Klum ihr auf jährlich 20 Millionen Dollar geschätztes Salär schicht und einfach dafür, dass sie schön ist und nicht moderieren kann. Oder Paris Hilton: Reich kraft Geburt, startete sie ihre Millionenkarriere damit, dass sie uns in einem Filmchen vor Augen führte, was einer Geburt ­vorausgeht. Auch so lässt sich Ruhm begründen.
Stimmen hier Leistung und Gegenleistung? Sind diese Gagen fair? Die Fragen sind falsch gestellt. Solange es Unternehmen, Sponsoren oder – indirekt – Fans gibt, die diese Beträge bezahlen, wird sich jemand finden, der sie dankend entgegennimmt. Egal, ob das unserem Gerechtigkeitsgefühl zuwider­läuft oder nicht. Und offen gesagt: Angesichts einer Milliarde hungernder Menschen ist die pathetische Aufregung um Banker-Gehälter ja an sich schon zynisch. Eigentlich hätten wir andere Sorgen.

klasmann.stephan@format.at

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