Geheimdiplomatie im Vatikan

Geheimdiplomatie im Vatikan

Die Kirche sei ein „gläsernes Haus“, sagte einst Papst Johannes Paul II. vor Medienschaffenden. Dabei war dem Papst schon klar, dass auch Bereiche existieren, in die es keinen Einblick gibt und wo eine Balance zwischen Transparenz und Diskretion vorhanden sein muss.

Zum Wohl der Menschen schützt die Kirche das Beichtgeheimnis. Johannes XXIII. konnte angesichts eines drohenden Atomkriegs in Kuba nur hinter den politischen Kulissen diplomatisch erfolgreich agieren. Das alles ist gut so.

Es scheint aber auch eine „Geheimdiplomatie anderer Art“ zu geben. Das sind Vorgänge, die das Licht der kirchlichen Öffentlichkeit scheuen, in deren Akten niemand außer einem kleinen Innenkreis Einblick nehmen darf. Einige davon sind nun dank Vatileaks an die Öffentlichkeit geraten. Ein Vertrauensbruch von einem Angestellten im Umkreis des Papstes? Oder der Zipfel einer größeren Verschwörung: Aber gegen wen?

Wie immer das moralische Urteil über diesen Vorgang ausfällt: Was ans Licht kam, ist eine Lesehilfe für die Konstellation im Machtzentrum der katholischen Kirche. Vatileaks führt unweigerlich zur Frage, wie der derzeitige Papst die Kirche leitet.

Papst Benedikt XVI. hat enorme Stärken. Er ist ein großer Theologe unserer Zeit. Seine Worte bei Ansprachen an die Welt oder bei Pastoralbesuchen sind verständlich, oft berührend. Viele hat es betroffen gemacht, als er bei seinem Besuch in seiner Heimat Bayern kurz nach der Landung auf dem Flughafen sagte, dass wir heute, inmitten des lauten Lärms modernen Lebens, gotttaub geworden, die leise Musik Gottes nicht mehr hörten. Der Papst liest viel, lädt zu Fachtagungen, schreibt anspruchsvolle Bestseller. Manche nennen ihn deshalb respektvoll einen „Teilzeitpapst“, weil er ebenso viel Zeit für Bücher verwendet wie für (dann noch dazu gestohlene) Akten und Unterlagen.

Nun gibt es Leute, die mit der Leitung großer politischer Gebilde und weltweiter Organisationen gut vertraut sind, welche den „Vatikan“ mit all seinen Dikasterien (Ministerien) gänzlich auflösen, neu errichten und mit neuen Leuten bestellen würden. Anders sei die Administration nicht zu sanieren. Selbst der mächtige Papst Johannes Paul II. hat vor dem „Vatikan“ kapituliert und sich für wichtige Entscheidungen eine Art „kleine polnische Kurie“ mit seinem Privatsekretär Dziwisz an der Spitze geschaffen. Manche vermuten, dass es inzwischen eine „süddeutsche Kurie“ geleitet vom Privatsekretär Georg Gänswein gebe.

Nicht zu den Stärken von Benedikt XVI. zählt sein „Headhunting“ für die Leitung der wichtigen vatikanischen Ämter. Die Bestellung des wichtigsten Mannes neben dem Papst, seines „Außenministers“ Tarcisius Bertone, verursachte bei vielen Entsetzen. Kurz nach dessen Bestellung rief mich ein hoher kirchlicher Würdenträger an, um mir für meine Arbeit in den Medien mitzuteilen, eine Katastrophe sei passiert: Bertone sei der Nachfolger von Angelo Sodano geworden. Diese Einschätzung ist, trotz dessen Verteidigung durch den Papst, inzwischen nicht besser geworden. Ein hochrangiger österreichischer Politiker, der eineinhalb Stunden beim Außenminister des Vatikans zu Gast war, bezeichnete die gesamte Begegnung als nichtssagend.

Viele nehmen an, dem Papst wäre unter Sodano die Williams-Geschichte nicht passiert: also die Rehabilitation eines katholischen Bischofs, der den Holocaust leugnet. Bertone hatte den Papst offensichtlich schlecht gebrieft. Und dass der Papst dann in einem Brief an die Bischöfe einräumte, dass man im Vatikan künftig das Internet besser nützen müsse, sagt auch viel über das Zusammenspiel im Vatikan aus. Der Leiter der deutschsprachigen Sektion von Radio Vatikan, der Jesuit Eberhard von Gemmingen, erzählte mir, er hätte den Papst über diese Geschichte der Öfteren informieren wollen, habe aber keinen Gesprächstermin bekommen. Manche hatten gehofft, dass der Papst Bertone nach Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand gehen ließe: Sie wurden aber auch darin enttäuscht.

Ob Vatileaks mit der Unzufriedenheit mit Bertone und Gänswein zu tun hat? Auch wenn das nicht der Fall sein sollte: Die Diskussionen um das baldige Ende der Amtszeit von Bertone sowie um die ambivalente Rolle des Privatsekretärs Gänswein sind für die Leitung der katholischen Weltkirche nur ein Segen.

Manche vermuten, dass sich derzeit in Rom potenzielle Nachfolger von Benedikt XVI. in gute Startpositionen bringen wollen. Ob aber das der Kirche wirklich nützt? Der schon erwähnte Pater Eberhard von Gemmingen hat unlängst eine tolle Idee geäußert, der ich persönlich viel abgewinnen kann: Das nächste Konklave in Rom solle nicht nur der Wahl des neuen Papstes dienen. In diesem solle vielmehr – etwa ein halbes Jahr lang – über den Weg der katholischen Kirche beraten werden. Alle ungelösten Fragen wie das Verhältnis Evangelium und moderne Welt, Scheidung und Wiederheirat, Priestermangel, Position der Frauen in der Kirche und einiges mehr gehörten auf die Tagesordnung dieses Sonderkonklaves.

Und erst wenn man sich über den Kurs der katholischen Kirche in den kommenden Jahren geeinigt hat, solle man zur Wahl des kommenden Papstes schreiten.

- Paul M. Zulehner
Priester, Theologe, Religionssoziologe, Autor

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten